Das neue Moskau

Artikel vom 01.09.2008  —  Autor: Martin Cruz Smith  —  Bilder: Gerd Ludwig
Moskau

Bild: Gerd Ludwig Vergrößern

Mitternacht in Moskau. Die Stadt bildet ein strahlendes Lichtraster, umschlossen von der goldenen Kuppel der Christ-Erlöser-Kathedrale, dem stalinistisch-grauen Hotel Ukraine und einer dunklen Schleife der Moskwa. Die Lichter der Baustellen, auf denen Tag und Nacht gearbeitet wird, schweben flussabwärts in der Luft; Stahl und Beton verschwinden im Dunkel. Das Chaos des Tages ist vorbei, die Nacht bringt Klarheit. In Moskau leben mehr Milliardäre als in allen anderen Städten der Welt - mehr als in New York, London oder Dubai. Millionäre sind so alltäglich wie Tauben. Gemeinsam bilden die Reichen eine Schicht, die, seit sie in den neunziger Jahren entstand, als "Neue Russen" bezeichnet wird. Einige von ihnen stammen aus der alten Elite und überlebten harte Zeiten wie die "Aluminiumkriege" vor zehn Jahren, in deren Verlauf zahlreiche Manager umgebracht wurden. Andere haben erkannt, dass Bankgründungen einträglicher sind als Banküberfälle. Wieder andere sind junge Finanz-Trapezkünstler, die sich von Hedgefonds zu Hedgefonds schwingen.

Nachtclub Propaganda

Bild: Gerd Ludwig Vergrößern

Was für eine Veränderung. Als ich 1973 zum ersten Mal nach Moskau kam, schien sich die gesamte Einwohnerschaft bei Sonnenuntergang in eine Gruft zurückzuziehen. Kaum ein Auto fuhr auf der Straße, Schaufensterauslagen präsentierten schon mal einen einzigen Trockenfisch. Der Rote Platz lag verlassen, abgesehen von der Ehrengarde an Lenins Grab. Plakatwände zeigten das versteinerte Gesicht von Generalsekretär Breschnew. Spruchbänder verkündeten: "Die Kommunistische Partei ist die Vorhut der Arbeiterklasse!" In dieser Welt wuchsen die Neuen Russen auf. Und so es ist kein Wunder, dass ihre unterdrückten Energien und Frustrationen leidenschaftlichen Ausbruch gefunden haben.
Russen übertreiben gern. Sie repräsentieren nicht das "alte Geld", das sich hinter efeubewachsenen Mauern verbirgt. Ihr Geld ist neues Geld, druckfrische Hundertdollarnoten. Um es richtig krachen zu lassen, gibt es die Nachtclubs. Sie bieten den Reichen Gelegenheit zum "Zeig es, Baby, zeig es!" Dank Gesichtskontrollen bleiben Unerwünschte außen vor. Türsteher taxieren das finanzielle Profil und den Promistatus einer Person - und, ob sie eine Schusswaffe trägt.

Die Neurussen sind gesellig. Sie verbinden gern Geschäft und Genuss. Im Büro gibt es viele Ablenkungen: Besprechungen, Anrufe, endlose Einzelheiten. Die Milliardengeschäfte warten in den kühlen Abendstunden. Nach russischer Tradition kann man keinem Mann trauen oder mit ihm Geschäfte machen, solange man sich nicht gemeinsam betrunken hat. Essen, Wodka, Geld - gehört alles zusammen.

Restaurant Turandot

Bild: Gerd Ludwig Vergrößern

Wenn der berühmte Nachtclub Djagilew der Moskauer Olymp ist, dann ist der "Platz der drei Bahnhöfe" der Hades. Offiziell heißt dieser Ort Komsomolskaja-Platz, doch die Einheimischen nennen ihn nach den Kopfbahnhöfen, die hier zusammentreffen: Jaroslawler und Leningrader Bahnhof an der Nordseite und der Kasaner Bahnhof an der Südseite. Auch ein Lenin-Denkmal steht hier. Der Anführer der Oktoberrevolution hält mit der linken Hand seinen Mantelaufschlag, während er mit der rechten zur Gesäßtasche greift. Er scheint eben zu bemerken, dass ihm seine Brieftasche gestohlen wurde. Das ist der Platz der drei Bahnhöfe. Täglich kommen Tausende Pendler an. Auf den breiten Gehwegen treffen sie auf den Gegenstrom aus Händlern, die mit Kleidung vollgestopfte Koffer in die Provinz transportieren.

Straßenverkäufer verhökern Kaninchenfellmützen, Sowjetkitsch, in Zellophan verpackte Rosen und CD-Raubkopien. Touristen taumeln unter ihren Rucksäcken. Zentralasiatische Frauen hasten in mohnblumenfarbenen weiten Röcken vorüber. Soldaten suchen Spielhallen. Alle möglichen Gesichter tauchen auf. Ukrainer mit blauen Augen, habichtähnliche Männer aus dem Kaukasus, bemützte Usbeken, Mongolen und vor allem Tadschiken. Russland steht vor einem ethnischen Debakel: Die Bevölkerung nimmt ab und Tadschiken wandern zu. Sie gelten als fleißig und gewillt, Arbeiten anzunehmen, die von Russen abgelehnt werden.

küssende Menschen

Bild: Gerd Ludwig Vergrößern

Um zwei Uhr morgens liegt der weitläufige Platz verlassen. Das diesige Licht der Straßenlaternen enthüllt, was im Verkehrsgewirr des Tages verborgen bleibt. Die Betrunkenen rund um den Kasaner Bahnhof sind anfangs schwer auszumachen. Sie sind so grau wie der Bürgersteig. Keine Gelegenheitstrinker oder Männer auf Sauftour, sondern Alkoholiker mit Leib und Seele, buchstäblich in Wodka mariniert. Viele von ihnen tragen Verbände oder bluten, so dass ihr Anblick an Schlachtengemälde erinnert. Einer hält ein Pappschild mit der Aufschrift: "Gebt uns Geld oder wir sterben."

Wer ist heutzutage in Russland zuständig - wer hat das Sagen? Wladimir Putin? Sein Nachfolger Dmitri Medwedew? Die legendären Oligarchen? Der KGB? Nun, in Russland sagt man: "Wer es weiß, weiß es." Sicher ist, dass Moskau in Petrodollars schwimmt. Auch aufgrund der jüngsten Ereignisse in der Kaukasus-Region stellt man sich zurzeit weltweit die Frage, was man in Zukunft von Russland zu erwarten hat. Was meinen Sie? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 9 / 2008, Seite(n) 84)
Extras

Reiseführer-Tipp: NATIONAL GEOGRAPHIC EXPLORER Moskau
Bereisen Sie Russlands schönste Städte mit den NG EXPLORER Moskau. mehr...

  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus