Der rote Fluch

Artikel vom 01.08.2008  —  Autor: Neil Shea  —  Bilder: Mark Thiessen
Waldbrand

Bild: Mark Thiessen Vergrößern

Es ist ein Samstag im Juli, morgens um elf. Idaho steht in Flammen. Es wird zur Evakuierung aufgerufen. Unser Feuer heißt "Lucky" und wütet im Boise National Forest. Wie viele andere Brände wurde "Lucky" durch einen Blitz ausgelöst. In zwei Wochen hat das Feuer schon etwa 550 Hektar niedergebrannt. Es ist nicht das größte in Idaho; doch "Lucky" hat Potenzial, sagen die Feuerwehrleute, als sprächen sie von einem begabten Kind. Über Stunden entfachen sie Feuer mit ihren Brandraketen, die sie mit der Hand werfen. Theoretisch hungern Gegenfeuer ein sich ausbreitendes Waldfeuer aus, indem sie ihm buchstäblich den Brennstoff wegfressen. Doch Gegenfeuer sind nicht ungefährlich. Es gibt viele Geschichten von solchen Bränden, die außer Kontrolle gerieten. Später am Nachmittag bewundern die Feuerwehrmänner ihr Werk. Schwarz verbrannte Flächen breiten sich vor ihnen aus. Auf dem Hang über ihnen, zerreißt plötzlich ein Geräusch die Stille, die Erde erzittert. Ein Baumriese ist geborsten, seine Wurzeln sind durchgebrannt. Die Feuerwehrleute kann das nicht erschüttern. Sie lachen nur und lehnen sich auf ihre Äxte. Dann dreht sich der Wind. Ein Wispern von Norden. Das Gelächter verstummt, die Männer schauen auf. Glühende Asche gleitet, kleinen Brandbomben gleich, in unberührten Wald. "Verdammt!" Sie hasten ins Dickicht, suchen nach neuen Feuern. Nach einer Weile tauchen sie wieder auf. Diesmal blieb ihnen das Schlimmste erspart.

Feuerwehrmann

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Feuer breiten sich aus, indem sie Vegetation in Brennstoff verwandeln. Wenn sich Pflanzenmaterial erhitzt, wird ein Gemisch aus Kohlenstoff, Wasserstoff und anderen entzündlichen Gasen freigesetzt, das mit Sauerstoff reagiert und Energie freisetzt. Das führt zu einer Kettenreaktion. Die Luft um das Feuer erwärmt sich und steigt auf. Dadurch wird Wind verursacht, der wiederum die Flammen anfacht. Extrem heiße Feuer können ihre eigenen Wettersysteme kreieren. Große Medienaufmerksamkeit bekommen zwar nur die Feuer im dicht besiedelten Kalifornien - doch überall im amerikanischen Westen brennen mehr Wälder und Weideland als je zuvor. 2006 wurden in den USA 40 000 Quadratkilometer durch unkontrollierte Brände zerstört. Ein Rekord. Zwei Drittel der verbrannten Flächen lagen im Westen, wo immer mehr Menschen Häuser an Orten bauen, wo es zuvor nur Wildnis gegeben hat.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs strömen Menschen in die Staaten des amerikanischen Westens. Sie bauen Häuser an Orten, wo es zuvor nur Wildnis gegeben hat. In den neunziger Jahren wurden acht Millionen Häuser an den Rändern von Parks und Wäldern errichtet, in denen regelmäßig Feuer ausbrechen. Der Staat gibt zum Schutz des Besitzes in diesen Regionen enorme Summen aus. Offiziell heißt solch ein Gebiet "wildland-urban interface"; gemeint ist die Übergangszone zwischen städtischem und unbesiedeltem Bereich. Viele Feuerwehrleute nennen sie einfach die "Dummen-Zone". Ein einziges Feuer, Jocko Lakes, ließ im Herbst 2007 etwa 15 000 Hektar in Flammen aufgehen und kostete mehr als 19 Millionen Euro. Es war ein Superlativ - bis Kalifornien kam. Drei Wochen lang rasten damals dort die Feuer durchs Land. Feuerwehrleute rückten in Scharen an. Sie kämpften und mussten doch immer wieder zurückweichen. Sie konnten wenig tun, außer in Schweiß gebadet Wohnhäuser verteidigen und hoffen, dass der Wind abflaut. Mehr als eine halbe Million Menschen wurden evakuiert, mehr als 2000 Häuser zerstört. Presse und Fernsehen waren voller Katastrophenbilder. Rauchfahnen, sogar aus dem Weltraum sichtbar, wölbten sich über dem Pazifik. Die Amerikaner waren geschockt. Die meisten Experten waren es nicht.

Vorher - Nachher

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Die Strategie der Amerikaner im Umgang mit Waldbränden ist, sie niederzuhalten, wann und wo immer sie ausbrechen. Das lässt sich an "Lucky" wie im Brennglas beobachten. Löschmannschaften aus dem gesamten Westen sind im Einsatz. Hubschrauber werfen Löschmittel ab. In einem Kommandozelt, weit vom Feuer entfernt, wird die Rechnung aufgemacht. Am 26. Juli, neun Tage nach Ausbruch des Feuers, liegen die Ausgaben umgerechnet bei knapp einer Million Euro. Am 1. August schon bei 2 812 500. Und es brennen noch zahllose weitere Feuer in Idaho. Auf Satellitenkarten erscheint der Westen wie von einem Krebsgeschwür zerfressen, rote Flecken breiten sich aus. In Missoula, Montana, verfolgt Mark Finney die Entwicklung in seinem Büro am Missoula Fire Sciences Laboratory. Die Regierung hat kürzlich mit dem Einsatz eines rechnergestützten Modellierungsprogramms begonnen, an dessen Entwicklung er beteiligt war. Diese Software soll verständlich machen, wie aus kleinen Feuern Ungeheuer werden und wie man sie bekämpfen kann.

Helfender Passant in Santa Clarita

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Die drei wichtigsten Parameter, die ein Feuer charakterisieren, sind Wetter, Terrain und Brennmaterial. Das Programm Fire Spread Probability (FSPro) ist der jüngste Versuch, diese drei Faktoren in einem Modell zu vereinen, das die Feuerausbreitungswahrscheinlichkeit und -richtung vorherberechnet. Die Datenmenge ist enorm. Die Modellierung kann Stunden dauern. Endlich kommt die vielfarbige Prognosekarte zu "Lucky" aus Finneys Drucker. Ein von Trockenheit geschwächter Kiefernbestand in der Nähe des Feuers entzündet sich mit 80- bis 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit; er erscheint auf der Karte in Rot. Auf einer weiter entfernten feuchten Wiese liegt die Brandgefahr nur bei fünf bis 20 Prozent: blau. Doch oft ist das Feuer schneller als das Programm. Das "Jocko Lakes"-Feuer beginnt mit einem Blitzschlag in den Hügeln von Westmontana. Einige Tage glimmt es versteckt vor sich hin. Dann kommt Wind auf. Das Feuer heult los. Als es an einem stürmischen Freitag endlich bemerkt wird, ist es nicht mehr zu kontrollieren. In 20 Minuten breitet sich "Jocko" von vier Hektar über 120 Hektar Land aus und bewegt sich auf den Ort Seeley Lake zu. Etwa 675 Häuser werden evakuiert. Außerhalb von Seeley Lake bleibt Patricia Rerick und Ralf Schurman noch eine Stunde zum Fliehen. Von der Veranda aus können sie die Flammen sehen. Hilflos versuchen sie, das Ausmaß der Katastrophe zu kalkulieren. Es wird schon nichts passieren. In ein paar Tagen sind wir zurück. Was nehmen wir mit? Sie leinen ihre drei Hunde an, packen ihre Dokumente ein. Dann laden sie noch ein paar Sachen in ihren Pick-up. Das Haus war neu.


(NG, Heft 8 / 2008, Seite(n) 72)
Extras

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