Geschmückt mit einem edelsteinbesetzten Krummsäbel, stand der Kaiser auf der Kommandobrücke, als die Jacht "Hohenzollern" die Dardanellen passierte. Am 17. Oktober 1898 hielt Wilhelm II. Einzug ins Morgenland. Es war ein Triumphzug - und die Erfüllung einer Sehnsucht. Es war nur eine Frage der Zeit, wann sich welche Großmacht die Filetstücke sichern würde: England, das bereits in Ägypten, Palästina und Mesopotamien engagiert war; Frankreich, das bereits in Tunis, Syrien und Anatolien saß; oder Russland, das nach Süden drängte. In dieser fiebrigen Situation landete der Kaiser einen Überraschungscoup. Mit dem türkischen Sultan vereinbarte er den Bau einer Eisenbahnlinie von Konstantinopel bis zum Persischen Golf - das teuerste Infrastrukturprojekt seiner Weltpolitik: die Bagdadbahn. Sie sollte die Ländereien des Sultans wirtschaftlich erschließen und militärisch stabilisieren, zum Schaden der konkurrierenden europäischen Großmächte.
Seine Orientbegeisterung verdankte Wilhelm II. auch einem Mitarbeiter des deutschen Generalkonsulats in Kairo, der Seine Majestät untertänigst mit Berichten über die islamischen Länder versorgte: Max Adrian Simon Freiherr von Oppenheim. In dessen "Denkschriften" war zu lesen, welche großartigen Perspektiven sich den Deutschen im Nahen Osten eröffneten - wenn sich der Kaiser nur entschlösse, den panislamischen Widerstand gegen die Kolonialherren zu unterstützen. Der Kaiser solle den Heiligen Krieg, den Dschihad, dazu benutzen, die Briten und Franzosen aus dem Land zu werfen.
Bild: Axel Krause/Laif Vergrößern
Max von Oppenheim, am 15. Juli 1860 in Köln geboren, war "ein Sonntagskind", wie er später stolz vermerkte. Ein Spross jener jüdischen Bankiersdynastie Oppenheim, die 1867 vom österreichischen Kaiser zum Dank für die Finanzierung des Eisenbahnbaus geadelt wurde. Oppenheims Vater war zum Katholizismus konvertiert, Sohn Max wurde katholisch erzogen. Der Vater mühte sich, ihn für das Bankgeschäft zu begeistern. Doch das Herz des Sohnes war unrettbar an den Orient verloren, seit er mit 14 eine Prachtausgabe der "Märchen aus 1001 Nacht" unter dem Weihnachtsbaum gefunden hatte. Zwar absolvierte er brav sein juristisches Examen und wurde Regierungsassessor - aber das Leben eines Amtsrichters in der Provinz lockte ihn nicht. Im jungen Deutschen Reich taten sich viel aufregendere Dinge. Die Jahre zwischen 1870 und 1890 waren die Brut- und Setzzeit des wilhelminischen Imperialismus. 1896 erlangte Oppenheim seinen Traumjob: Er wurde "systematischer Beobachter der ganzen islamischen Welt" mit Sitz in Kairo und "lockerer Anbindung" an das deutsche Generalkonsulat.
In Kairo zog Oppenheim nicht in den abgeschirmten Diplomatendistrikt, wie es sich geziemt hätte, sondern mietete ein Haus am Rande des altarabischen Viertels. Er lernte intensiv Arabisch, pflegte Kontakte mit dem ägyptischen Vizekönig (dem Khediven), mit nationalistischen Oppositionellen, Scheichs und Schriftgelehrten. Seine Begeisterung für den Orient erschien vielen verdächtig. Ließ er sich zu sehr mit den Einheimischen ein? Wechselte er gar die Seiten? Bald kursierte das Gerücht, die Exzentrik des Freiherrn und sein Forschergehabe seien nur Tarnung. Roland Storrs, der Orientsekretär des britischen Generalkonsulats, erkannte in ihm gar den Meisterspion Wilhelms II., "known to us all as 'The Kaiser’s Spy'".
Bild: Hausarchiv des Bankhauses Sal. Oppenheim jr. & Cie., Köln Vergrößern
Im April 1899 erschien sein Werk "Vom Mittelmeer zum Persischen Golf". Von nun an galt Oppenheim als "Orientexperte". Der Kaiser bat den Autor ins Berliner Schloss und erwartete jährlichen Rapport. Und die Deutsche Bank bestellte ein Gutachten über die beste Trassenführung der Bagdadbahn. Oppenheim sagte zu und bereiste das nördliche Syrien, damals ein archäologisch noch unberührtes Gebiet. Dort, auf einem Hügel namens Tell Halaf, fand er zahlreiche Reliefplatten aus vorassyrischer Zeit, die Reste einer großen Palastfassade und die Statue einer sitzenden Göttin, die ihn sofort in den Bann zog. Da er aber weder Ausrüstung noch eine Grabungslizenz besaß - von archäologischen Kenntnissen ganz zu schweigen -, ließ er die Funde wieder mit Erde bedecken und entschloss sich, eine bessere Gelegenheit abzuwarten.
In den Folgejahren bereiste er Amerika, um dort den Eisenbahnbau zu studieren. Als er nach Kairo zurückkehrte, war die politische Situation verändert: England und Frankreich hatten sich in der "Entente Cordiale" verständigt, die Deutschen waren nun wieder abhängig vom Wohlwollen der Westmächte. In Berlin erkannte man die Chance, den Störenfried loszuwerden. 1910 bat Oppenheim um seine Entlassung. Nicht ohne sich den erzwungenen Abgang schönzureden: Die wissenschaftliche Welt verlange nach ihm, er müsse den 1899 entdeckten Tell Halaf nun endlich ausgraben. Im Sommer 1911 begann er seine dreijährige Grabungskampagne in Nordsyrien. Ende 1913 erreichten die Gleise der Bagdadbahn den Tell Halaf, und Oppenheim konnte seine Funde gerade noch abtransportieren. Es war der Vorabend des Ersten Weltkriegs.
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Am Tag der Mobilmachung meldete sich Oppenheim zum Dienst im Auswärtigen Amt: Er wollte seine alte Idee, dem Deutschen Reich die Spitzenstellung im Nahen Osten zu verschaffen, endlich in die Tat umsetzen. Das Mittel hierzu sah er in der Ausrufung des Heiligen Krieges. Und die Saat ging auf. Am 11. November 1914 erklärte der Sheikh ul-Islam, die oberste religiöse Autorität, in Konstantinopel tatsächlich den Heiligen Krieg, wie ihn Oppenheim konzipiert hatte. So entstand die politische Legende vom "deutschen Abu Dschihad". Und damit die Behauptung, Oppenheim sei ein geistiger Wegbereiter des islamistischen Terrors unserer Tage. Diese Debatte hält bis heute an. Während angelsächsische Autoren den kaltblütigen Strategen herausstellen, betonen deutsche Autoren Oppenheims dilettantisches Vorgehen und seine Erfolglosigkeit. In der Tat war die "Operation Dschihad" nur ein - teurer - Schlag ins Wasser. Die Muslime hofften, ihre Unabhängigkeit eher mithilfe der Briten zu erlangen, als durch die mit den Türken verbündeten Deutschen. Im November 1918 war die Welt von Lawrence von Arabien und Max von Oppenheim endgültig untergegangen - und beider Vorhaben gescheitert.
Der amerikanische Historiker Donald M. McKale und der in Amerika lehrende Nahostexperte Wolfgang G. Schwanitz glauben, Oppenheim sei der "Vater der Idee, den Islam zu dschihadisieren". Deutsche Historiker wie Michael Stürmer oder Wilhelm Treue meinten dagegen, Oppenheim sei nur eine unbedeutende Randfigur gewesen, ein naiver, unpolitischer Träumer. Was meinen Sie, welchen Anteil trägt Oppenheims Einfluss im Orient am heutigen islamistischen Terror? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.
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