Bild: Hans Hansen Vergrößern
Die Zeit zum Schlüpfen naht, und der Bläuling wird in seiner Puppenhülle nervös. Als Raupe hatte er es sich unter den Ameisen noch gut gehen lassen. Er hatte sie mit süßen Abscheidungen aus speziellen Drüsen gefüttert, und die wehrhaften Ameisen hatten ihm dafür seine Feinde vom Leib gehalten. Doch nun ist diese artübergreifende Beziehung beendet: Als ausgewachsener Schmetterling hat er ihnen nichts mehr zu bieten. Im Gegenteil: Wenn er nach dem Schlüpfen eine Weile mit schlaffen Flügeln am Ginsterzweig hängt, an dem er sich verpuppt hatte, werden ihn auch die überall herumwuselnden Ameisen als Beute ansehen. Er muss weg, und das schnell. Die Puppenhülle platzt auf, der Falter arbeitet sich hektisch ins Freie. Sein Herz pumpt stoßweise Blut in die Adern, unter ihrem Druck öffnen sich die eng zusammengefalteten Flügel. Metallisch blau schimmern sie auf der Oberseite, silbrig auf der Unterseite. Er hakt Vorder- und Hinterflügel zusammen und schlägt probeweise auf und ab. Dann fliegt er los - genau in die weite Öffnung eines Marmeladenglases hinein, das sich über ihn senkt.
"Ich hab einen", ruft der Junge. Er könnte elf Jahre alt sein oder zwölf und heißt vielleicht Markus oder Matthias. Er schraubt den Deckel mit den Luftlöchern fest und rennt zu seiner Tante, die hinter ihm Notizen in ein schmales Buch schreibt. "Ist er das?", fragt Markus/Matthias eifrig. "Ist das ein Plebejus argus? Der Schmetterling des Jahres?" Tante Martha nimmt das Glas. Sie schaut sich um. "Vom Biotop her könnte es ein Argusbläuling sein", sagt sie. Ginster und Heidekraut bedecken die warme Erde, Schafe halten die übrige Pflanzenschicht auf dem nährstoffarmen Boden kurz. Der Schmetterling im Glas hat sich beruhigt und hängt still mit den Füßen unter dem Deckel. "Gib mir mal die Lupe", sagt die Tante. "Ich will nichts Falsches in meinen Beobachtungsbogen schreiben."
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Er ist ein Frühlingsbote und fliegt vor allem im Mai und Juni. Im Juli hat sich die neue Generation dann schon wieder verpuppt und wartet auf das nächste Frühjahr.
Natürlich sind Martha und Markus/Matthias fiktive Falterfahnder. Die Wahl des Plebejus argus zum Schmetterling des Jahres 2008 ist ja gerade erst im Dezember 2007 bekannt gegeben worden, wie immer von der Naturschutzstiftung des BUND in Nordrhein-Westfalen. Die Biologen wollen mit ihrer Wahl zugleich auf die Gefährdung der Lebensräume des Bläulings aufmerksam machen. Vom Frühjahr an werden viele Naturfreunde nach ihnen ausschauen. Die Hobbyforscher zählen Schmetterlinge für das Tagfalter-Monitoring des Umweltforschungszentrums (UFZ) in Leipzig/Halle. Seit 2005 sammeln Helfer von April bis September Daten über die gesichteten Falter, auf einem zugeteilten sogenannten Transekt, einem 50 Meter langen und fünf Meter breiten Areal. Notiert wird einmal wöchentlich nach einem bestimmten Schema, was in dieser Zone flattert.
Entwicklungen in Bestand und Verbreitung der Tagfalter zu analysieren. Das hilft zu erkennen, wie sich Natur und Kulturlandschaft verändern, denn Schmetterlinge sind Blütenbesucher und auf eine bestimmte Flora angewiesen. Auch als Klimazeiger sind sie nützlich, das lassen laut UFZ die Daten schon jetzt erkennen. Die warmen Winter ermöglichen es einigen Arten, ihren Lebensraum nach Norden auszudehnen. Dazu gehört der Große Fuchs, der - kürzlich noch vom Aussterben bedroht - wieder in vielen Teilen Süddeutschlands zu finden ist. Arten, die es kühler mögen, geraten dagegen in Schwierigkeiten, hierzulande zum Beispiel der Hochmoorbläuling und der Natterwurz-Perlmuttfalter. Ein weiteres Argument für die Falterzählung: Sie kann mancherorts auch zur Kontrolle von Renaturierungs- und Schutzmaßnahmen dienen.
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Gelb sind nur die Männchen, die Weibchen weißlich. Im Winter hängen manche froststarr an Zweigen, doch durch die ersten warmen Sonnenstrahlen werden sie wieder munter.
Bisher haben rund 9000 Melder fast 1,5 Millionen Schmetterlingsbeobachtungen in die Datenbanken eingegeben. Einen wachsenden Teil zum Gesamtergebnis trägt das Projekt "Abenteuer Faltertage" des BUND bei. "Jede Meldung nützt", sagt Settele. "Die Daten helfen, Modelle über die künftige Verbreitung bestimmter Arten zu erstellen. Offensichtliche Fehler filtern wir aus. Digitale Fotos in die Datenbank zu stellen ist eine weitere Kontrollmöglichkeit." Die allerdings Grenzen hat. Der Laie kann Landkärtchen und Distelfalter schon mal verwechseln, wenn sie vorbeifliegen. Beim UFZ-Monitoring sind deshalb viele Zähler mit Fanggläsern und Lupe unterwegs.
Sind sie ihrer Sache sicher, lassen sie die Falter wieder frei. Doch bei den Bläulingen, von denen es einige sehr ähnliche Arten gibt, kommen sie auch so nicht weit. Jetzt ist die Frage unvermeidlich: "Darf ich für die Wissenschaft töten?" Settele sieht das pragmatisch: "Biologen können gar nicht so viel fangen, dass dies Auswirkungen auf den Bestand einer Art hat." Viel schlimmer seien die Zerstörung von Mooren und Trockenrasen, die Zerschneidung der Landschaft und Monokulturen in der Landwirtschaft. Norbert Hirneisen, der mit seiner Agentur Science4You die Datenbanken für UFZ und BUND verwaltet, ergänzt trocken: "Jeder, der am Wochenende mit seinem Auto über Land fährt, bringt mit der Motorhaube mehr Schmetterlinge um als Biologen oder Falterzähler." Das weiß auch Mark Hörstermann, der für den BUND das "Abenteuer Faltertage" betreut. Dennoch ist ihm dabei nicht wohl. "Wir wollen die Menschen anregen, sich für die Natur zu interessieren und sich für ihren Schutz einzusetzen. Wir raten bei unserer Aktion, sich auf das Beobachten zu beschränken."
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