Die Mythen der Bibel (VI): David gegen Goliath

Artikel vom 01.10.2008  —  Autor: Christian Schüle  —  Bilder: Reza
David besiegt Goliath

Bild: Reza Vergrößern

Eine kleine, verdreckte Scherbe ist es, die eine Studentin des 50-köpfigen Grabungsteams der Bar-Ilan-Universität von Ramat Gan bei Tel Aviv plötzlich stutzen lässt. Sie bürstet das zeigefingerlange Tonstück, das sie soeben aus dem Boden des Tell es-Safi gekratzt hat, entdeckt eine eingeritzte Signatur und ruft Aren Maeir herbei, ihren Professor. "10. Jahrhundert vor Christus!" - das geübte Auge des Archäologen erkennt die Sensation sofort. Doch was bedeuten diese Schriftzeichen? Einen Namen? Einen Ort? Eine Botschaft? Wenig später macht sich Stefan Jakob Wimmer, Maeirs deutscher Assistent vom Lehrstuhl für Alttestamentliche Theologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, an die epigrafische Identifizierung. Und die Überraschung ist perfekt: Diese Scherbe bezeugt - zum ersten Mal - dass der Name "Goliath“ zu jener Zeit und in dieser Gegend tatsächlich gebräuchlich war. Der Grabungshügel Tell es-Safi enthält die Überreste von Gath, der legendären Hauptstadt der Philister. Die Bibel erwähnt die Gegend um Gath als Schauplatz des Kampfes zwischen David und Goliath.

Wenn es nun diesen ersten, buchstäblich anfassbaren Hinweis auf Goliath gibt - hat dann das sagenhafte Duell wirklich stattgefunden? Wären also jene Kritiker Lügen gestraft, die behaupten, diese Geschichte sei nur gut erfunden? Hätte sie einen historischen Kern? Hätte die Bibel recht? Von Jerusalem fuhr ich über Tel Aviv ins Elah-Tal, das Terebinthen-Tal der Bibel. Mir war klar, dass es, obwohl man die Goliath-Scherbe gefunden hatte, noch keinen gesicherten Beweis für die Existenz des David gibt - außer jener Stele aus dem 9. Jahrhundert v. Chr, auf der in aramäischer Schrift sein "Haus“ erwähnt wird. Womöglich war David eine ähnlich wie Moses vielfach ausgeschmückte, in superlativische Größe gehobene Symbolfigur, über die sich die frohe Botschaft des Alten Testaments bestens transportieren ließ: die Intervention Gottes zugunsten der Israeliten. David, aus dem Hebräischen übersetzt "der Geliebte“, ist bis heute der größte Held der israelitischen Geschichte: ein Hirtenjunge, der König wird - kampfesmutig, musisch, poetisch. Die Bibel erwähnt ihn mehr als tausendmal, so oft wie nur Abraham und Moses. Er soll von 1004 bis 965 v. Chr. das Königreich Juda regiert, die Philister, Edomiter, Moabiter und Ammoniter besiegt sowie die zwölf zum Teil verfeindeten Stämme der Hebräer geeint haben. Als sein Vorgänger König Saul und dessen Sohn Jonathan im Kampf gegen die Philister fallen, wird David in Hebron zum König von Juda gekrönt und somit zum "Messias“, dem "Gesalbten“. Er macht Jerusalem zur Hauptstadt und gibt ihr seinen Namen: Davidstadt. Bis heute steht David für die jüdische Identität - ein Gründungsmythos für die Nation Israel. Und ein Millenium später wird in Bethlehem der bedeutendste Mann geboren, der dem Evangelisten Matthäus zufolge dem Geschlecht Davids entstammt: Jesus.
Man kann die Frage nach David, Goliath und dem Duell nicht klären, ohne bei Israel Finkelstein in Tel Aviv gewesen zu sein. "Es gibt keinerlei wissenschaftlichen Anhaltspunkte dafür, dass David eine derart großartige Figur war", sagt der international renommierte, mit Preisen dotierte und zugleich umstrittene Archäologe und Historiker. Er weiß, wie provokant seine These ist. Vor zwei Jahren hat er mit seinem Kollegen Neil A. Silberman ein Buch veröffentlicht, in dem er David als Beduinenfürst, Räuberhauptmann und eine Art Söldner beschreibt, der keineswegs jener brillante, dem Gott der Israeliten hingegebene Herrscher gewesen sei, für den man ihn seit Jahrhunderten halte. "Außerhalb der Bibel", sagt Finkelstein, "gibt es nirgends einen Hinweis auf David. Nirgends!"

Terebinthen-Tal

Bild: Reza Vergrößern

"Das heißt ja aber noch nicht, dass es ihn nicht trotzdem gab", wende ich ein.
"Dass es im 10. Jahrhundert v. Chr. einen Mann mit dem Namen David gegeben hat, der in Jerusalem eine Dynastie etablierte, ist zweifelsfrei wahr..."
"... was aber wiederum nicht heißt, dass er auch ein Großreich beherrscht hat."
"Für mich steht außer Frage, dass wir es um etwa 600 v. Chr., als die Legende des David Teil des Alten Testaments wurde, mit zwei großen rivalisierenden Ideologien zu tun haben: der judäischen und der ägyptischen. Zu jener Zeit, als die Bibeltexte zusammengestellt wurden, verhielt sich das ägyptische Reich unter Pharao Necho wieder aggressiver und expansiver. Die Menschen in Juda haben damals schnell verstanden, dass eine für sie bedrohliche Auseinandersetzung in der Luft lag."
"Und haben also einen Heroen aufgebaut, der stellvertretend für sie in den Krieg zieht und siegreich zurückkehrt?"
"Man hat sich daraufhin die Geschichte von einem gewissen David, dem Gründer einer Dynastie, erzählt. Eine Geschichte, die auch eine Parabel auf Juda war: Ein scheinbar schwacher, unbewaffneter Hirtenjunge, ohne große Armee im Rücken, geht allein in den Ring, und während sich alle anderen beim Anblick des Philisters Goliath in die Hosen machen, bringt der kleine David ihn zu Fall. Es ist eine klare Botschaft: Kommt mir nicht mit euren Waffen, ich komme im Namen Gottes! Das ist unter König Josia, den man im 6. vorchristlichen Jahrhundert als Retter Israels zum Nachfolger Davids stilisierte, als Propagandageschichte in das Alte Testament eingegangen.""

Es ist eine Ironie der jüngeren Geschichte, dass sich Anfang Oktober 2000 zu Beginn der zweiten Intifada palästinensische Jungen im Alter von 13, 14 Jahren vor israelische Panzer stellten und, wann immer eine Fernsehkamera lief, mit Steinschleudern - wie einst David - die scheinbar unschlagbaren Riesen der israelischen Armee angriffen. Sind die Rollen von David und Goliath im Laufe der Jahrhunderte vertauscht worden? Oder steckt Israel nach wie vor in der Rolle des schwachen Hirtenjungen? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 10 / 2008)


Extras

Atlas-Tipp: Biblica - Der Bibelatlas
Erfahren Sie mehr über die faszinierendsten Geschichten des Alten und des Neuen Testaments im großen Bibelatlas Biblica. mehr...

  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus