Die Mythen der Bibel (VII): Die Bundeslade

Artikel vom 01.11.2008  —  Autor: Christian Schüle  —  Bilder: Reza

Wenn ich aufbrechen würde, die Bundeslade zu suchen - wohin würde ich reisen? Auf jeden Fall nach Jerusalem. Ich würde in das Labyrinth unter dem Tempelberg gehen und mit höchster Vorsicht die Gänge und Nischen ausleuchten, in denen dieses geheimnisvolle Objekt immer noch verborgen sein könnte. Niemand weiß es sicher. Sicher ist nicht einmal, ob die Bundeslade jemals existiert hat. Doch wenn es sie gibt und wenn sie in den Tiefen des Tempelbergs liegt, könnte von ihr eine überirdische, unheimliche, todbringende Spannung oder Strahlung ausgehen. Ich würde nach einem mit Gold überzogenen Kasten aus Akazienholz suchen, dessen Deckel zwei Cherubim aus reinem Gold mit einander zugewandten Gesichtern zieren. Womöglich wäre ich nicht der Einzige, der diesen Kasten in der Unterwelt Jerusalems suchen würde, und träfe den einen oder anderen obsessiven Gläubigen: amerikanische Amateurarchäologen, die, der Bibel folgend, die große Sensation wittern; orthodoxe Juden, überzeugt davon, das begehrteste Objekt der Menschheitshistorie ruhe in diesen geheimen Gängen. Und womöglich hätte ich sogar mit irgendwelchen Abenteurern zu rechnen, die immer noch à la Indiana Jones dem Schatz der Tempelritter hinterherjagen.

Wäre, würde, hätte. Niemand bekam jemals eine Grabungserlaubnis für den Tempelberg, niemand wird sie je erhalten. Jeder Suchende ist angewiesen auf ein paar spärliche Angaben, auf Mut zur Spekulation und viel Phantasie, um den seit 3000 Jahren rätselhaftesten Gegenstand der Religionsgeschichte aufzuspüren: die Verkörperung des Bundes zwischen Gott und dem Volk Israel, das Gefäß, in dem das höchste Zeugnis göttlichen Beistands aufbewahrt wird - die beiden Tontafeln mit den Zehn Geboten in der zweiten Ausgabe. Die Originale hatte Moses aus Zorn über den Tanz der Israeliten um das Goldene Kalb am Berg Sinai zerschlagen. Zum letzten Mal wird die Bundeslade in der Bibel erwähnt vor der grausamen Zerstörung Jerusalems durch die Truppen des neubabylonischen Königs Nebukadnezar II. in den vorchristlichen Jahren 587/586. 18 Monate lang belagern die Invasoren die Hauptstadt von Juda, erobern sie schließlich, brennen sie nieder, zerstören den Tempel und rauben daraus, wie es heißt, "kostbare Geräte". Die Babylonier, gerühmt als Bürokraten und penible Buchhalter, vermerken alles, was sie aus Jerusalem mit an den Euphrat schleppen: bronzene Säulen zum Beispiel und sämtliche Kultgegenstände, deren sie habhaft werden. Eines fehlt in ihren Listen: die Bundeslade. Später wird sie mit keiner Silbe mehr erwähnt. Warum? Wäre ihr Diebstahl oder ihre Vernichtung nicht zumindest eine Erwähnung in der hebräischen Bibel wert gewesen? Nichts dergleichen. Seit mehr als 2500 Jahren ist die Bundeslade spurlos verschwunden. Die entscheidende Frage lautet aber: Hat es sie denn jemals wirklich gegeben? Wenn stimmt, was die Bibel berichtet, besaß diese Truhe überirdische, ja göttliche Kräfte. Wer seine Hand ausstreckte, um sie zu berühren, der soll auf der Stelle gestorben sein. Die Israeliten macht die Bundeslade unverwundbar, sie eilen von Sieg zu Sieg. Keine Naturgewalt, kein Mensch, kein Kämpfer kann die Israeliten aufhalten.

So viele Theorien wie über die Bundeslade gibt es über keinen anderen biblischen Gegenstand und keine biblische Figur. Sie vereint die großen Mythen des Alten Testaments: vom Auszug aus Ägypten über die Schlacht von Jericho bis zum Sieg Davids gegen Goliath. Aber bis heute gibt es keinen einzigen archäologischen Beweis, dass die Bundeslade jemals existiert hat - und nach wie vor keinen zweifelsfreien Hinweis, dass sie noch existieren könnte. Und es gibt keinen einzigen Grund, warum sie Kämpfe, Kriege, Brände und Zerstörungen überstanden haben soll. Was es indessen reichlich gibt, sind Vermutungen, zum Teil abstruse, zum Teil plausible. Manche glauben, die Lade Gottes befinde sich noch heute in Jordanien. Die Unentwegten orteten dort Höhlen und durchwühlten Gräber. Gefunden wurde alles Mögliche, nur nicht die Bundeslade. Vermutet wird sie auch in einer der vielen unbekannten Höhlen um Qumran in der Wüste am Toten Meer. Dass die Bundeslade in einem Dorf in den judäischen Bergen vergraben ist, davon ist der selbsternannte Bibelgelehrte Michael S. Sanders aus den USA überzeugt. Er hat auch schon das Paradies, die Arche Noah sowie Sodom und Gomorrha zu orten versucht. Sanders wartet noch immer (und wohl vergeblich) auf eine Grabungserlaubnis. Kurzum: Bisher blieb alles Suchen ohne Erfolg.

Der Fund der Bundeslade hätte fatale Folgen. Nach dem Glauben jüdischer Fundamentalisten würde das Auftauchen der Lade Gottes den Wiederaufbau des Salomonischen Tempels und die Ankunft des Messias einläuten. Der Neubau könnte allerdings nur durch die Zerstörung des islamischen Felsendoms erreicht werden. Welche Folgen hätte dieses Ereignis für die Beziehung zwischen Juden und Muslimen? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 11 / 2008, Seite(n) 74)
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