Weiter, viel weiter als je ein Mensch vor ihnen sind sie nach Süden vorgestoßen. Jetzt dümpelt die Dreimastbark "Resolution" im kalten Nebel. Über sich sehen sie Schemen von Albatrossen und Sturmvögeln. Zeichen des nahen Landes, das sie suchen? Sie sollen eine neue Welt finden, vergleichbar der des Kolumbus. Aber gibt es sie denn überhaupt? Es ist der 15. Dezember 1773, und als sich die Schwaden lichten, finden sie sich inmitten einer phantastischen Welt. "Pyramiden, Obelisken, Kirchthürme und Ruinen" schwebten ringsum auf dem Wasser. So notiert es Georg Forster in seiner modrigen, engen Kajüte im Achterschiff - der erste deutsche Weltumsegler, einer von gut 110 Mann auf dem 34 Meter langen englischen Schiff. Der märchenhafte Anblick ist keine Fata Morgana. Vor ihnen schwimmen Eisberge von kolossalem Ausmaß im Wasser. Forster berechnet, dass sie wohl an die 600 Meter in die Tiefe ragen. Sie enthalten "eintausend sechshundert Millionen Cubic-Fuß Eis", schreibt der junge Forscher, wie stets um exaktes Protokoll bemüht. Seit Monaten schon gibt es keinen Kontakt zur "Adventure", dem zweiten Schiff dieser Expedition, die am 13. Juli 1772 in Plymouth aufgebrochen ist. Im Auftrag der Admiralität ihrer Majestät sollen sie den Pazifik erforschen und den Südkontinent suchen.
Bild: AKG-Images (links), National Maritime Museum Vergrößern
Georg Forster, geboren am 27. November 1754 bei Danzig, ist jetzt 19 Jahre alt. Er hat schon viel erlebt - als Kind mit seinem Vater Johann Reinhold, einem Pfarrer und Naturkundler aus Westpreußen, im Auftrag der Zarin zum Beispiel die deutschen Siedler am Unterlauf der Wolga besucht. Nun sind beide durch glückliche Fügung mit an Bord, um die wissenschaftlichen Ergebnisse von Cooks zweiter Expedition in Wort und Bild festzuhalten. Es ist die Epoche der Aufklärung: Jetzt brechen die Zoologen, Botaniker, Anthropologen, Geologen und Geographen zu neuen Horizonten auf, um ihr Wissen zu mehren. Nun liegen sie auf 71 Grad 10 Minuten Süd. Die Besatzung der "Resolution" ist angeschlagen. Vater Forster, seit dem Ablegen von Plymouth seekrank, geht es besonders schlecht. Cook selber liegt sterbenselend danieder, gequält von Darmkoliken. Nur ein Mann ist guter Stimmung. Maheine heißt er und kommt von Tahiti, einem Eiland der Fruchtbarkeit, der Liebe und Lebensfreude.
Wenige Monate zuvor, am 16. August, hatte die "Resolution" vor Maheines Heimat Anker geworfen. "Bey Untergang der Sonne", hielt Forster fest, "sahe man bereits die Berge dieser erwünschten Insel aus den vergoldeten Wolken über dem Horizont herrvorragen." Was mochte Georg empfunden haben, als ihn das Paradies, von dem er bis dahin nur gelesen hatte, aus goldenen Wolken anblickte? Forster lässt uns in seinen Schriften nicht an seinen persönlichen Gefühlen teilhaben.
Bild: Andrew Bargey/Aurora Photos/IPN Vergrößern
Nur zwischen den Zeilen lässt uns Forster herauslesen, dass auch er sich einfangen ließ von der sanften Anmut der Tahititaner. Ungeniert fassten die Eingeborenen den Fremden unter die Kleidung, um festzustellen, ob diese gebaut seien wie sie selber. Während die Matrosen den Ausschweifungen frönten, katalogisierte und analysierte der junge Mann die tahitische Flora und Fauna, so eifrig und systematisch wie kaum ein anderer vor ihm. Die dicke Brotfrucht, die Schachtelhalmblättrige Kasuarine, der kecke Vogel Tahitiliest: Viele Dutzend Skizzen und Zeichnungen verdanken die Botanik und Zoologie Forsters talentierter Hand.
Bitterkalt ist es, als die "Resolution" im Dezember 1773 in der Antarktis dümpelt. Am 30. Januar 1774 gibt es kein Weiterkommen mehr. "Ein festes Eisfeld von unabsehlicher Größe" zwingt die "Resolution" zum Beidrehen. Wieder Kurs auf Tahiti. Auf der Route liegt aber noch ein anderes Eiland, damals das einsamste unter allen bewohnten auf dem ganzen Globus: die Osterinsel. Gibt es sie überhaupt? Manchem Ort in der Unendlichkeit des Pazifik hängt in jenen Jahren der Ruf an, ein Phantom zu sein - die Seeleute konnten lange Zeit nicht exakt navigieren. Erst kurz vor Cooks Reise gelang es dem Engländer John Harrison, verlässlich funktionierende Schiffsuhren zu konstruieren, mit deren Hilfe auch der Längengrad und damit die exakte Position bestimmt werden konnte.
Doch die Entdeckungsfahrt ist noch nicht zu Ende. Die "Resolution" wird zum ersten europäischen Schiff, das auf Neukaledonien und die Norfolk-Insel stößt. Beide bieten Forster eine Reihe bisher unbekannter Arten, am bedeutendsten wohl die Araucaria columnaris, eine hohe Pinie.
Bild: London, The Natural History Museum Vergrößern
Über Niue, die Südlichen Sandwich-Inseln und Südgeorgien erreicht die "Resolution" Ende Juli 1775 schließlich wieder England, drei Jahre und zwei Wochen nach dem Aufbruch und ein Jahr nach Rückkehr der "Adventure". Georg Forster beginnt bald, seinen Bericht "Reise um die Welt" zu schreiben. Gleichzeitig arbeitet er an der deutschen Übersetzung, die 1778 in Berlin erscheint. Mehr als 500 Bilder brachte er von der Reise mit, teilweise koloriert. Er nutzt das damals neue, heute noch gültige taxonomische System, das sein Zeitgenosse Carl von Linné zur Einteilung der Tier- und Pflanzenarten entwickelt hat. Unter den Aufklärern findet Forsters Werk größten Anklang. Christoph Martin Wieland, einer der führenden deutschen Intellektuellen, nennt es das bemerkenswerteste Buch seiner Zeit. Heute gilt Forster vielen als Begründer der wissenschaftlichen Reisebeschreibung. 2007 wurde sein Werk im Eichborn-Verlag neu aufgelegt, gestaltet mit den schönsten seiner Zeichnungen.
Ulli Kulke ist Reporter und Autor bei der Zeitung "Die Welt".
Georg Forster hat das Südseebild im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts entscheidend geprägt. Man betrachtete das Leben auf den pazifischen Inseln als eine Vorstufe der europäischen Zivilisation. Philosophen stritten über die Frage, ob der Mensch nicht glücklicher wäre, wenn er in diesen Zustand zurückkehren könnte. Was meinen Sie, wären wir glücklicher, wenn wir zum "einfachen" Leben der Südseebewohner zurückkehrten? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.
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