Elefanten: Dicke Freunde

Autor: David Quammen  —  Bilder: Michael Nichols
Elefantenherde

Bild: Michael Nichols Vergrößern

Vorsichtig nähert sich der Biologe Iain Douglas-Hamilton der jungen Elefantenkuh "Anne“. Sie steht halb versteckt in einer Baumgruppe oben auf einem Hügel im entlegenen Norden Kenias und grast im Kreise einiger Familienmitglieder. Um ihren Hals trägt der Elefant ein Lederband, an dem auf der Schulter ein elektronischer Sender sitzt, der aussieht wie ein kleiner flacher Zylinderhut. Der Sender hat es Douglas-Hamilton ermöglicht, "Anne" von seiner Cessna aus zu orten und ihrer Spur zu Fuß durch hohes Gras und Akazienbüsche zu folgen. Geduckt und gegen den Wind nähert er sich dem Tier auf 30 Meter. Die Elefantenkuh frisst weiter. Sie nimmt ihn nicht wahr; vielleicht interessiert er sie auch einfach nicht. Elefanten können gefährlich sein. Sie sind leicht erregbar, und ihr Abwehrverhalten ist manchmal explosiv. Doch Douglas-Hamilton ist ein weltweit anerkannter Experte - und seit 40 Jahren mit Elefanten vertraut.

Er möchte sich das Halsband genauer anschauen. Er hat gehört, es säße womöglich zu eng für den Elefanten, "Anne" sei gewachsen, seit man sie per Pfeil betäubt, mit dem Sender ausgerüstet und so als Lieferantin für Forschungsdaten rekrutiert hat. Gewöhnlich nähert sich der Forscher den Elefanten nur von der sicheren Warte eines Land Cruisers aus, doch hier kommt kein Fahrzeug durch. Und es geht um Wohlbefinden und Gesundheit des Elefanten. Das Geschirr sollte lose hängen, unten mit einem Gegengewicht beschwert. Der Biologe möchte sicher sein, dass das Halsband die Kehle der Elefantenkuh nicht beengt. Im Moment zeigt sie ihm aber nur ihr elefantöses Hinterteil. Also kriecht er schließlich näher heran. Drei Männer bleiben zurück. Einer ist David Daballen, ein junger Samburu, der Douglas-Hamilton häufig assistiert. Der zweite ist ein einheimischer Reiseführer mit Jagdgewehr. Der dritte bin ich. Wir schauen zu, wie Douglas-Hamilton sich vorpirscht, und bemerken, wie sich eine große Elefantenkuh, vermutlich die Leitkuh der Gruppe, listig von rechts an ihn heranschleicht. Wir ducken uns tief, um nicht ins Blickfeld der Matriarchin zu geraten. Wir rühren keinen Finger, doch Douglas-Hamilton scheint die Gefahr nicht wahrzunehmen. Daballen wird nervös. Dann präsentiert die große Elefantenkuh eine Reihe von Gesten, die Gelassenheit, wenn nicht Verachtung ausdrücken: Erst pinkelt sie wie ein Wasserfall und entleert ihren Darm mit Karacho, um sich danach einfach abzuwenden.

Elefanten bei Nacht

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"Anne" hingegen schaukelt eleganter aus dem Busch heraus, ein paar Schritte auf den Forscher zu. Noch etwa 15 Meter. Für Sekunden schenkt ihm die junge Elefantenkuh die Vorderansicht ihrer großen Stirn, ihrer flatternden Ohren, ihrer hübschen Stoßzähne, als posiere ein Model im Blitzlicht. Jetzt das Profil. Douglas-Hamilton hebt seine Kamera und lässt sie klicken. Dann schlendert der Elefant davon. Durch den Sucher hat der Biologe kurz sehen können, dass das Halsband doch hängt, wie es sein soll. Falscher Alarm. Es besteht keine Gefahr, dass das Leder scheuert oder einengt. Nichts an diesem Ausflug bereitet mich auf den Moment wenige Wochen später vor, als ich mit ansehen muss, wie ein Elefant auf ihn losstürmt, ihn einholt, mit dem Rüssel packt und zu Boden schmettert.

Nach vier Jahrzehnten Forschung kennt Douglas-Hamilton seine Elefanten so gut, wie man sie nur kennen kann. Er besitzt ein feines Gespür für die Eigenarten der Elefanten - für ihre Launen, ihre subtilen Signale, ihre Charaktereigenschaften.Das Samburu-Schutzgebiet ist eines der wenig bekannten Kleinode im Norden Kenias, benannt nach einem stolzen Stamm von Kriegern und Hirten, zu dem auch David Daballen gehört. Mit einer Fläche von 168 Quadratkilometern ist es relativ klein und es wimmelt hier von Tieren. Die beherrschenden Geschöpfe aber sind die Elefanten. Sie spielen die Hauptrolle in der Gestaltung des Ökosystems: Sie reißen die Rinde von den Bäumen, entwurzeln die Stämme und halten so die Savanne offen. Elefanten schüchtern selbst die Löwen ein. Sie passieren die Grenzen des Parks in beiden Richtungen und nutzen ihn als Refugium in einem wesentlich größeren Lebensraum, in dem ihnen Gefahr durch die Menschen droht. In diesem Gebiet leben etwa 5400 Elefanten.

Junger Elefant

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Douglas-Hamilton lernt die Elefanten kennen, stellt ihre Eigenheiten fest, gibt ihnen Namen, beobachtet ihre sozialen Interaktionen. Er hat mittlerweile seine eigene Forschungs- und Naturschutzorganisation für Elefanten in Nairobi aufgebaut, Save the Elephants*. Douglas-Hamilton stellt sich Fragen: Was treibt sie an? Was brauchen die Elefanten? Was wollen sie? Auf welche Weise reflektieren die Elefanten-Wanderungen diese Bedürfnisse? Welche Art von Entscheidungen treffen sie? Seine Arbeit trug wesentlich dazu bei, dass 1989 der internationale Elfenbeinhandel nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES) verboten wurde.

* Das Forschungsprojekt von Douglas-Hamilton wird von der National Geographic Society gefördert.

Elefanten sind klug, sie wissen, was sie brauchen, und im Allgemeinen wissen sie von Geburt an, wo sie es bekommen. Was sie nicht wissen, wird ihnen ihre Mutter oder ihre Großmutter beibringen. Elefanten scheinen Risiken abzuwägen. Sie können anderen gefährlich werden, aber sie ziehen es vor, Auseinandersetzungen mit anderen Lebewesen wie Löwen und Menschen zu meiden. Was glauben Sie? Liegt es allein daran, dass die Dickhäuter Pflanzenfresser sind? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de.


(NG, Heft 9 / 2008, Seite(n) 128)
Extras

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