Es werde Nacht!

Artikel vom 01.12.2008  —  Autor: Verlyn Klinkenborg  —  Bilder: Jim Richardson
Chicago bei Nacht

Bild: Jim Richardson Vergrößern

Mal angenommen, wir Menschen wären für ein Leben in der Dunkelheit geschaffen. Dann würde das Licht von Mond und Sternen auch für uns ausreichen, die Welt genauso gut zu erleben wie viele nachtaktive Tierarten. Aber so ist es nicht. Wir sind tagaktive Wesen, und unsere Augen sind an eine Existenz im Sonnenlicht angepasst. Das ist durch die Evolution festgelegt, auch wenn wir es oft nicht wahrhaben wollen. So ist es zu erklären, weshalb wir in die Natur eingreifen und seit langem schon versuchen, die Finsternis durch künstliches Licht zu besiegen. Eine helle Nacht ist uns viel angenehmer als eine dunkle.

Doch der Nutzen hat Konsequenzen, wie jeder Eingriff in die Natur. In diesem Fall ist es die Lichtverschmutzung, und ihre wissenschaftliche Erforschung steht noch ganz am Anfang. Sie ist oft eine Folge schlechten Lampendesigns: Das Licht wird nicht abwärts gerichtet, sondern strahlt nach oben in den Himmel. Dunkelheit, an die sich viele Lebewesen angepasst haben, wird immer seltener. Der Rhythmus der Beleuchtung wie auch die Lichtmenge in der Nacht verändern sich und beeinflussen viele Lebensbereiche, besonders der Tiere: Wanderverhalten, Fortpflanzung, Ernährung.
In langen Zeiten der Menschheitsgeschichte hätte man sich unter dem Begriff der Lichtverschmutzung nichts vorstellen können. Versetzen wir uns mal in eine Mondnacht in London, ungefähr im Jahr 1800. Damals lebten in der bevölkerungsreichsten Stadt der Welt fast eine Million Einwohner. Sie mussten nachts mit Kerzen, Öllampen, Fackeln und Laternen auskommen. Wenige Häuser hatten eine Gasbeleuchtung, auf öffentlichen Plätzen gab es noch keine Gaslampen. Aus einigen Kilometer Entfernung konnte man die Stadt wohl eher riechen als sehen. Heute leben die meisten von uns in übermäßig beleuchteten Städten. Europa ist die ganze Nacht hindurch in einen riesigen Lichtnebel getaucht. Auch in Japan und in weiten Teilen der Vereinigten Staaten hat man nachts den Eindruck, als gäbe es am Himmel keine Sterne mehr. Dabei entfaltet sich über dem Lichtkegel der Städte die Pracht des Universums mit Planeten und Galaxien als Lichtpunkte in einer unendlichen Finsternis. An die Wohltat einer dunklen Nacht können wir uns kaum erinnern. Auch nicht an unsere Ängste.

St. Louis Edelstahlbrückenbogen

Bild: Jim Richardson Vergrößern

Die Folgen für die Natur sind verheerend: Allein unter den Säugetieren gibt es eine große Anzahl nachtaktiver Arten, auf die Licht eine geradezu magnetische Anziehungskraft ausübt. Mit diesem Phänomen beschäftigen sich Wissenschaftler wie Travis Longcore und Catherine Rich, die Mitbegründer der in Los Angeles ansässigen Urban Wildlands Group. Untersuchungen zeigen, dass Vögel von Suchscheinwerfern an Land oder von den Gasfackeln der Ölplattformen regelrecht "eingefangen" werden. Zu Tausenden kreisen sie um die Lichtquelle, bis sie schließlich abstürzen. Zugvögel prallen nachts an hell erleuchtete Hochhäuser. Nachtaktive Säugetiere wie Wüstennagetiere, Flughunde, Opossums und Dachse werden durch die heller gewordenen Nächte bei ihrer Jagd leichter entdeckt. Durch Lichtverschmutzung verlängerte Tage führen außerdem dazu, dass sich viele Vogelarten vorzeitig paaren. Auch das Wanderverhalten von Tieren wird beeinträchtigt. Frösche und Kröten beeinflusst die permanente Beleuchtung nicht nur auf ihren Wanderungen, sondern in fast allen Aspekten ihres Verhaltens.

Das alles muss nicht so sein. Von allen Formen der Umweltschädigung kann man die Lichtverschmutzung am einfachsten verringern. Schon kleine Eingriffe in die Art der Beleuchtung führen dazu, dass weniger Licht in die Atmosphäre entweicht und gleichzeitig Energie gespart wird. Die ersten zivilen Maßnahmen gegen Lichtverschmutzung wurden vor rund 50 Jahren auf Drängen von Astronomen in Flagstaff, Arizona, veranlasst. 2001 wurde die Stadt von der International Dark-Sky Association zur weltweit ersten “Stadt des dunklen Himmels” erklärt. Mittlerweile bemühen sich auch immer mehr andere Städte und Länder, die Lichtverschmutzung unter Kontrolle zu bekommen.

afrikanscher Sternenhimmel

Bild: Jim Richardson Vergrößern

Auch wir Menschen brauchen die Dunkelheit. Der regelmäßige Wechsel von Wachsein und Schlafen ist nichts anderes als der hormonelle Ausdruck der regelmäßig wechselnden Lichtverhältnisse. Dieser ist für uns von grundlegender Bedeutung. Durch die permanente Beleuchtung machen wir seit etwa hundert Jahren allerdings einen gewaltigen Selbstversuch mit ungewissem Ausgang. Eine jüngere Studie zu dem Thema Lichtverschmutzung lässt beispielsweise darauf schließen, dass ein direkter Zusammenhang zwischen einer höheren Brustkrebshäufigkeit bei Frauen und der nächtlichen Helligkeit in ihrem Wohnumfeld besteht. Durch die Lichtverschmutzung haben wir Menschen uns vom entwicklungsgeschichtlichen Erbe abgeschnitten. Dies hat zur Folge, dass wir in einem sehr realen Sinn den Blick für unseren Platz im Universum zu verlieren drohen - und für die wahre Größe unseres Daseins, die sich am besten an den Maßstäben der Nacht bemisst. An der Milchstraße, die sich hoch über unseren Köpfen wölbt.

Wir Menschen sind nicht weniger von der Lichtverschmutzung betroffen als die Frösche neben der hell erleuchteten Autobahn. Wir setzen nahezu jede alte und neue Technik mehr oder weniger bedenkenlos ein. Was meinen Sie: Sollte Technologiefolgeabschätzung einen höheren Stellenwert erhalten? Oder sollten wir die Warnsignale seitens unserer Gesundheit, der Natur und unserer Mutter Erde als Reaktion auf unseren Umgang mit technischen Möglichkeiten einfach weiterhin größtenteils ignorieren? Wären Sie bereit, Ihr persönliches Verhalten in punkto Gebrauch von Technik zu ändern? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 12 / 2008, Seite(n) 88)
  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus