Gefangen im Sahel

Artikel vom 01.05.2008  —  Autor: Paul Salopek  —  Bilder: Pascal Maitre

ANMERKUNG DES CHEFREDAKTEURS: Der Journalist Paul Salopek wurde im Sudan von Guerillakämpfern gefangen genommen und als Spion ins Gefängnis geworfen. Nach Verhandlungen von NATIONAL GEOGRAPHIC und der Chicago Tribune sowie Bemühungen des Gouverneurs von New Mexico, Bill Richardson, wurde Salopek nach fünf Wochen freigelassen. Er kehrte später in den Sahel zurück, um seine Reportage zu Ende zu bringen.

Darfur - die Straße nach Furawiya

Nigrische Wanderarbeiter

Bild: Pascal Maitre Vergrößern

Auf dem Berg ihrer Habseligkeiten kehren nigrische Wanderarbeiter aus Libyen in den Sahel zurück.

Die Straße ist eigentlich keine. Es sind lediglich zwei Fahrrillen, die von der unmarkierten Grenze des Tschad in das westsudanesische Kriegsgebiet, nach Darfur, führen. Unkartiert, unsichtbar, nichtsdestoweniger Grenzland - so ist es vielerorts im Sahel. Das Land zieht sich endlos und monoton dahin, nur Schotter und trockenes Gras. Doch Stunde um Stunde überschreiten wir irgendwelche Grenzen, meist ohne sie wahrzunehmen.

Nachdem man mich in Darfur festgenommen und eingesperrt hatte, sagt mir einer der US-Soldaten, die als Berater im Sahel stationiert sind: "Man fliegt über dieses Gebiet, und alles, was man sieht, ist: nichts." Doch das ist die Wahrnehmung eines Fremden. Jeder Felsvorsprung, jede Ebene ist hier durchschnitten von unsichtbaren Tangenten und Linien, die das von Stämmen, Individuen, Clans beanspruchte Land abstecken. Immer wieder verschieben sie sich, je nach Krieg und Jahreszeit. Tabuzonen rund um Wasserlöcher. Einige unsichtbare Linien, die masars, markieren die Wanderrouten der Nomaden. Nichts ist im Sahel planlos. Eine dieser Linien zu überschreiten, kann Vergeltung bedeuten. Oder Tod. Und die Linie aller Linien ist die zwischen Wissen und Unwissenheit.
Die Sahelzone selbst ist eine Grenzlinie. Sie erstreckt sich entlang dem 13. Breitengrad zwischen dem Sand der Sahara und Afrikas tropischen Wäldern. Sie ist ein Gürtel aus semiaridem Grasland, in dem Araber und Schwarze, Muslime und Christen, Nomaden und Bauern leben. Etwa 50 Millionen der Ärmsten Afrikas, der machtlosesten, von aller Welt vergessenen Menschen klammern sich im Sahel mit aller Kraft an ihr Dasein. Und in Darfur gehören wir 34 Tage lang zu ihnen.

Wir sind zu dritt unterwegs im Sahel. Idriss Anu fährt unseren Lkw, der später von Rebellen gestohlen wird. Daoud Hari ist der Dolmetscher; man wird ihn dafür verprügeln.Wir sind unterwegs in das Dorf Furawiya, als regierungstreue Guerillakämpfer auftauchen. "Nicht aussteigen", sagt Daoud. Aber es ist schon zu spät. Die Bewaffneten steuern auf uns zu, das Haar zu Dreadlocks verfilzt und um die Brust kleine schwarze Dinger, die wie getrocknete Ohren aussehen, eigentlich aber Koranamulette sind. Uns dämmert immer noch nicht, dass wir eine Schwelle überschritten haben. Jetzt spielt es keine Rolle mehr, woher wir kommen, welchen Pass oder welche Hautfarbe wir haben. Worte haben jeden Überzeugungswert verloren. In dem Moment, als der grinsende Teenager mit der Kalaschnikow nach meiner Wagentür langt, sind wir verurteilt, nach dem Belieben anderer zu leben oder zu sterben.

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(NG, Heft 5 / 2008, Seite(n) 80)
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