Gorilla - und Boss

Autor: Mark Jenkins  —  Bilder: Ian Nichols
Gorillas in der Baumkrone

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Die Plätze in der Baumkrone spiegeln die Rangordnung unter den Gorillas.

Dies ist die Geschichte einer Familie, wie es sie nur einmal gibt: Sie handelt von einem mächtigen Gorilla, dem Patriarchen, und seinen vier ständig konkurrierenden Frauen, von denen jede ein eigenes Kind hat. Dann ist da noch die halbwüchsige, mutterlose "George". Zehn Lebewesen, zehn Gorillas, untereinander und mit ihrer kleinen Welt eng verbunden, einer üppigen Waldwelt voller Früchte und Schmetterlinge . Die vier Frauen sind "Mama", "Mekome", "Beatrice" und "Ugly". "Mama" gibt gern die Chefin, aber Papas Liebling ist der kleine Gorilla "Mekome", und das wissen auch alle. "Beatrice", gutmütig und großherzig, ist das egal. "Ugly" geht der Familie, wenn sie kann, aus dem Weg. "Mama" und "Mekome" haben kleine Jungs: "Kusu" und "Ekendy", fröhliche Kumpels, bereit zu jedem Schabernack. "Beatrice" und "Ugly" haben erst kürzlich Junge bekommen. Sie tragen ihre Säuglinge - "Gentil" und "Bomo" - noch ständig mit sich herum.

Heute ist ein Tag wie die meisten Tage: Der breitschultrige Gorilla frisst, und zwar allein. Dabei duldet er niemanden in seiner Nähe. Es ist Mittag, man kann vor Hitze und Feuchtigkeit kaum atmen. Stachellose Bienen summen um seine Ohren, Fliegen sitzen auf seiner Nahrung, aber die beachtet er gar nicht. Im Sitzen hängt ihm der Bauch auf die Oberschenkel. Er kaut langsam und blickt sich gelangweilt um. "Kingo" ist der Boss: ein 150 Kilo schwerer Gorilla, ein Silberrücken, der König des Dschungels. "Kingo" und seine Familie sind Westliche Flachlandgorillas. Sie leben in einer geschützten Urwaldregion, die teils zur Republik Kongo , teils zur Zentralafrikanischen Republik gehört. Ihre Heimat grenzt im Osten an den Nationalpark Nouabalé-Ndoki und im Westen an den Nationalpark Dzanga-Ndoki in der Zentralafrikanischen Republik. Sie gehört zu den letzten unberührten Regenwäldern im Kongobecken. Aber nicht weit von hier wurden andere Waldgebiete abgeholzt. Das eröffnete Zugangswege für Wilderer, die dem Gorilla wegen seines Fleisches nachstellen. Ohne die Bemühungen der Anthropologin Diane Doran-Sheehy von der Universität Stony Brook im US-Bundesstaat New York wäre auch "Kingos" Dschungel vermutlich bereits verschwunden.

Der Gorilla

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Der Gorilla herrscht über ein 15 Quadratkilometer großes Revier, seine Arme sind dick wie Äste.

Doran-Sheehy hat seit 1995 jährlich bis zu sechs Monate lang die Flachlandgorillas beobachtet. In dem Gebiet, das sie sich dafür ausgesucht hatte, war bereits eine Konzession zum Holzeinschlag vergeben, aber 2004 konnte sie gemeinsam mit der Wildlife Conservation Society den Konzern Congolaise Industrielle de Bois dazu bewegen, den Gorillas das Djéké-Dreieck zu überlassen, ein 100 Quadratkilometer großes Stück Urwald. Im ersten Jahr ihrer Forschungen richtete Doran-Sheehy mit Mitteln der National Geographic Society und der Leakey Foundation am Fluss Mondika ein Forschungszentrum für Gorillas ein. Als Fährtenleser stellte sie eine Mannschaft von BaAka-Pygmäen aus der Zentralafrikanischen Republik zusammen. Bei den Gorillas unterscheidet man üblicherweise vier Unterarten: Berggorillas, Östliche Flachlandgorillas, Cross-River-Gorillas und Westliche Flachlandgorillas. Die Berggorillas leben in den Virunga-Bergen im Dreiländereck von Ruanda, der Demokratischen Republik Kongo und Uganda. Von ihnen gibt es nur noch rund 700 Tiere.
Die Westlichen Gorillas sind in Sumpfwäldern zu Hause, rund 100 Meter über dem Meeresspiegel. Wie viele es von diesen Gorillas gibt, weiß niemand genau, aber ihre Zahl ist stark rückläufig. Obwohl in den Zoos der Welt ausschließlich Westliche Flachlandgorillas gehalten werden, weiß man über ihr Verhalten in freier Wildbahn nur wenig. Doran-Sheehy kam ins Kongobecken, weil sie wissen wollte, wie die Nahrungssuche das Sozialverhalten der Gorillas beeinflusst. Abhängig von ihrer Umwelt sollten die Flachlandgorillas ganz andere Fressgewohnheiten haben als ihre Vettern in den Bergen. Gorillas sind scheue, ungeheuer misstrauische Tiere. Doran-Sheehy und ihr Team brauchten sechs Jahre, um "Kingos" Familie auszusuchen und ihre Wanderwege kennenzulernen. Weitere zwei Jahre waren nötig, um das Vertrauen der Menschenaffen zu gewinnen. Diane Doran-Sheehy fand bald bestätigt, was sie vermutet hatte: Die Westlichen Gorillas ernähren sich ganz anders als ihre Vettern im Gebirge. Berggorillas fressen vor allem wilden Sellerie, Nesseln, Labkräuter und die Blätter des Gombe-Baums. Der Speisezettel der Flachlandgorillas umfasst viel mehr Arten von Früchten, Blättern und Kräutern. Außerdem fressen die Gorillas Termiten und auch die Rinde bestimmter Bäume. Zu manchen Jahreszeiten spähen die Westlichen Gorillas vor allem nach Früchten.

Gorilla am Ufer

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Tiefes Wasser ist ihn noch nicht geheuer: Der kleine Gorilla "Tusu" schaut vom Ufer zu, was "Kingo" im Lieblingstümpel der Familie so treibt.

Dabei legen Westliche Gorillas im Durchschnitt ungefähr zwei Kilometer am Tag zurück, fast viermal so lange Wege wie die Berggorillas. Die ausgedehnten Wanderungen beeinflussen das Sozialverhalten innerhalb der Familien. Die Westlichen Flachlandgorillas sind selbständiger als die Berggorillas. Sie lassen zwar Zuneigung erkennen, aber das gegenseitige Kraulen und andere Körperkontakte gibt es kaum, und jedes Individuum verbringt längere Zeiten allein.
An diesem Morgen haben es die Fährtenleser eilig. Wir können nur mit Mühe folgen. Ich halte mich dicht hinter dem ältesten Fährtenleser. Plötzlich bleibt er stehen, kniet sich hin, hebt ein Blatt auf und zeigt auf den Boden. Der Abdruck eines Fingerknöchels ist auf dem feuchten Boden kaum zu erkennen. Leise schnalzt der BaAka mit der Zunge. Ein anderer antwortet mit einem dreimaligen, immer höher werdenden Schnalzlaut.

Diese einfache Sprache haben die Forscher entwickelt, um sich bei den Gorillas anzumelden. Kurze Zeit später erreichen wir eine Lichtung und sehen vor uns ein Idyll: Vogelgroße Schmetterlinge tanzen im Sonnenlicht; handgroße Spinnen sonnen sich auf Baumwurzeln; Libellen schießen hin und her, alle möglichen Vögel pfeifen und krächzen, heulen und gurren. Mittendrin: Gorilla "Kingo". Er steckt bis zur Brust in einem Tümpel und zieht die langen, dünnen Wurzeln von Sumpfpflanzen heraus. Bedächtig wäscht er sie im Wasser und saugt sie dann in den Mund wie Spaghetti. Die ganze Gorilla-Familie wirkt entspannt, irgendwie hat jeder seinen Platz an der Sonne gefunden. Einfach eine große, glückliche Familie.

"Kingos" Revier gehört zu den letzten unberührten Regenwäldern im Kongobecken. Aber nicht weit davon wurden andere Waldgebiete abgeholzt. Das eröffnete Zugangswege für Wilderer, die den Gorillas wegen ihres Fleisches nachstellen. Schon jetzt ist die Anzahl der Westlichen Flachlandgorillas stark rückläufig. Was müsste unternommen werden, um die majestätischen Gorillas zu retten? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 2 / 2008, Seite(n) 58)
Extras

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