Regenzeit in Ghana, aber in der Hauptstadt Accra ist der morgendliche Guss bereits vorüber. Die Sonne heizt die feuchte Luft auf, über dem weitläufigen Agbogbloshie-Markt steigen schwarze Rauchsäulen empor. Auf eine gehe ich zu - vorbei an Ständen mit Salat und Kochbananen, mit gebrauchten Autoreifen und Altmetall, wo Männer gebückt an Lichtmaschinen und Motorblöcken werkeln. Wenig später ist die schlammige Gasse drei Meter hoch gesäumt von aufgetürmten TV-Geräten, ausgeweideten Computergehäusen und zersplitterten Monitoren. In einem Aschefeld glitzert es orange und grün von den Resten alter Leiterplatinen. Jetzt sehe ich, dass sich die Rauchsäule nicht durch ein Feuer, sondern aus vielen kleinen Bränden speist.
Wie Schemen bewegen sich Dutzende von Gestalten durch den Dunst. Manche schüren mit Stöcken die Flammen, andere haben die Arme voller Computerkabel. Die meisten sind Kinder. Ich bekomme kaum Luft. Das Hemd über die Nase gezogen, gehe ich auf einen vielleicht 15-jährigen Jungen zu. Um seine magere Gestalt wabert Rauch. Er heiße Karim, sagt er. Seit zwei Jahren schüre er solche Feuer. Als Brennstoff dient ihm ein alter Reifen. Seine obere Körperhälfte verschwindet beinahe im Qualm, als er sich vorbeugt und ein Netz aus Kupferdraht herauszieht. Dann schüttet er Wasser über die zischende Masse. Der Draht bringt beim Altmetallhändler vielleicht einen Euro, aber erst, wenn die Isolierung abgebrannt worden ist - wobei ein ganzes Sammelsurium krebserregender Substanzen und anderer Giftstoffe frei wird.
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Schwarzer Rauch voller Dioxine und Schwermetalle hüllt den jungen Mann ein, der hier in Ghana Kabel abschmort.
Ein anderer Tag, derselbe Markt. Über einem Kanal, der nach einem starken Regen in den Atlantik abfließt, sitzt Israel Mensah auf einem ganz ähnlichen Aschehaufen. Mit seinem modischen Äußeren wirkt der junge Mann von rund 20 Jahren hier völlig deplatziert. Er rückt seine Designerbrille zurecht und erklärt mir, wie er seinen Lebensunterhalt verdient. Jeden Tag bringen ihm die Schrotthändler alte Elektronik. Woher, weiß er nicht. Mensah und seine Partner - Freunde und Verwandte, darunter barfüßige Jungen, die uns zuhören - kaufen ein paar Computer oder Fernseher.
Sie brechen die Kupferspulen aus den Bildröhren. Die Scherben, die sie auf den Boden werfen, enthalten Blei (ein Nervengift) und Kadmium (einen Krebserreger, der zudem Lunge und Nieren schädigt). Sie reißen die Drähte heraus und brennen den Kunststoffmantel ab. Mensah verkauft das Kupfer aus einer Ladung Schrott und kauft dafür die nächste. Noch brauchbare Teile wie Laufwerke und Speicherchips bringen zusätzliches Geld. Wenn man Profit machen will, kommt es vor allem auf Schnelligkeit an, nicht auf Sicherheit. "Der Qualm steigt dir in die Nase", sagt Mensah. "Du wirst krank, im Kopf und in der Brust."
Zerbrochene Monitorgehäuse schwimmen in der Lagune. Morgen wird sie der Regen weiter ins Meer schwemmen. Er hat schon viel Abfall mitgenommen, denn wo Menschen leben, produzieren sie Müll. Die Archäologen der Zukunft werden einmal feststellen, dass seit Ende des 20. Jahrhunderts Abfälle eines neuen, giftigen Typs hinzukamen: die Trümmer des Digitalzeitalters, die mittlerweile als E-Müll bezeichnet werden. Schon jetzt arbeiten Software-Ingenieure an Programmen, die unseren eben gekauften Turbopower-PC überfordern werden, wenn wir sie in ein paar Jahren darauf laufen lassen wollen.
Die Anforderungen, die das neue Microsoft-Betriebssystem "Vista" an Speicher- und Grafikleistung stellt, bedeuten das Aus für Rechner, die noch vor einem Jahr wunderbar liefen. Nach Angaben der amerikanischen Umweltschutzbehörde müssen in naher Zukunft allein in den USA jedes Jahr 30 bis 40 Millionen PC entsorgt werden. Für Deutschland gibt es bislang keine verlässlichen Zahlen. Der Bundesverband für Sekundärrohstoffe und Entsorgung schätzt die Menge an Elektronik-Altgeräten auf etwas mehr als eine Million Tonnen jährlich. Davon entfällt rund die Hälfte auf Computer, Fernseher, Handys und sonstige Unterhaltungs- und Industrieelektronik. Der Rest ist "Weißware", also Kühlschränke und andere Küchengeräte.
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In einem Armenviertel der indischen Hauptstadt Neu-Delhi füllt ein Mann das aus Leiterplatten gewonnene Blei aus dem Schmelztiegel in ein Sammelgefäß.
In den USA wurden nach Schätzungen der Umweltbehörde im Jahr 2005 zwischen 1,3 und 1,7 Millionen Tonnen Computer, Fernsehgeräte, Videorecorder und Handys weggeworfen - das ist dreimal so viel wie in Deutschland. Der Wechsel vom analogen zum digitalen Fernsehen, vom Röhrengerät zum Flachbildschirm bringt einen zusätzlichen Schub. Auch Geräte, die noch funktionieren, werden ausgemustert. 2001 waren in Deutschland noch 90 von 100 verkauften Fernsehern Röhrengeräte; 2006 hatten bereits 84 von 100 Neugeräten Flachbildschirme. In den USA werden jedes Jahr 25 Millionen Fernseher verschrottet. Umweltexperten der UN schätzen die Menge an E-Müll weltweit auf 45 Millionen Tonnen im Jahr. Was geschieht mit all diesen Abfällen?
In Deutschland gibt es für Elektronikschrott ein Entsorgungsgesetz: Händler müssen Altgeräte zurücknehmen und das Recycling besorgen. Allerdings wird rund dreimal so viel an Elektronik verkauft, wie E-Müll bei den Erfassungsstellen landet. Größere Apparate verstauben in Kellern und Garagen, die meisten Kleingeräte aber werden schlicht im Hausmüll entsorgt. Das haben Forscher der UN-Universität mit Sitz in Bonn herausgefunden. In den USA landen nach Schätzungen sogar mehr als 70 Prozent der weggeworfenen Computer und Monitore sowie 80 Prozent der Fernseher auf den Müllkippen - obwohl auch dort immer mehr Bundesstaaten die ungeregelte Entsorgung von E-Müll verbieten: Durch die Abfälle können Blei, Quecksilber, Arsen, Kadmium, Beryllium und andere Giftstoffe in den Boden gelangen. Gleichzeitig wird eine große Menge unbenutzter elektronischer Geräte zwischengelagert: 2005 waren es nach Angaben der Umweltschutzbehörde rund 180 Millionen TV-Geräte, Computer und andere Teile.
Der Anteil des wiederverwerteten Elektronikschrotts wird allerdings vermutlich bald steigen, denn Bundesstaaten wie Kalifornien verschärfen zunehmend die Entsorgungsgesetze. Aber das gängige Recycling ist nicht so umweltfreundlich, wie es sich anhört. Wer alte Elektronikgeräte bei einem Recyclingunternehmen oder einer kommunalen Sammelstelle abgibt, hat noch keine Gewähr, dass sie auch umweltgerecht entsorgt werden. Es gibt vorbildliche Firmen, aber viele verkaufen den E-Müll an Makler, die das Zeug in Drittweltländer mit laxen Umweltstandards exportieren.
Elektronikschrott bedroht die Umwelt und die Gesundheit der Menschen. Gleichzeitig entwickeln Hersteller von Elektronikgeräten regelmäßig neue Innovationen. Wer mithalten will, kauft sich das neueste Modell - ob TV-Gerät, Handy oder Computer. Was meinen Sie, inwiefern können Konsumenten in der Ersten Welt Einfluss darauf nehmen, dass weniger E-Müll in die Drittweltländer verschifft wird? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.
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