Highway in die Zukunft

Artikel vom 01.10.2008  —  Autor: Don Belt  —  Bilder: Ed Kashi
Autobahn über den Ganges

Bild: Ed Kashi Vergrößern

Indiens neue Autobahn, der Hoffnungsträger für eine Milliarde Menschen zwischen dem Arabischen Meer und dem Golf von Bengalen, führt auf ihrem Weg nach Süden auch durch Bangalore. Im Zentrum der Stadt kommt der Verkehr neben einem üppig geschmückten, 15 Meter hohen Hindutempel für kurze Zeit zum Stehen. Hier hält R. L. Deekshith, ein fröhlicher kleiner Mann mit Hornbrille, jeden Abend die Hinduversion eines Drive-in-Gottesdienstes ab. Seine Spezialität ist eine puja - das Andachts- und Segensritual der Hindus -, bei der er den Segen des Gottes Ganesh auf eine Parade neuer Fahrzeuge herabruft: Pkw, Lkw, Geländewagen, Motorräder und Autorikschas - vereinzelt sind auch Fahrräder und Ochsenkarren dabei. Für die Fahrer wäre es undenkbar, eine Reise ohne den Segen des vierarmigen Gottes mit dem Elefantenkopf anzutreten. Er bringt Glück, vor allem für Menschen und Maschinen, die zu neuen Zielen aufbrechen.

Heilige Kuh auf der Autobahn

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Die 23-jährige Menaka Shekaran, die bei einer Importfirma für Fitnessgeräte als Buchhalterin arbeitet, wartet darauf, dass Deekshith die puja für ihren Motorroller spricht, den sie erst an diesem Nachmittag gekauft hat. Während sich der Priester an der Reihe der Fahrzeuge entlang bis zu ihr vorarbeitet, setzt Menakas älterer Bruder Dhana eine Kokosnuss in Brand und umrundet mit der rauchenden Schale dreimal den Motorroller. Zuletzt zerschmettert er sie vor dem Gefährt auf dem Bürgersteig. Er legt eine Zitrone unter den Vorderreifen: Menaka soll sie beim Losfahren zerquetschen - als Zeichen eines verheißungsvollen Anfangs. "Haben Sie einen Führerschein?", frage ich die junge Frau. "Nein, Sir, nein", kichert sie. In diesem Moment taucht Deekshith auf und breitet eine Blumengirlande über den Lenker des Rollers, besprengt ihn mit geweihtem Wasser aus dem Schrein des Gottes Ganesh, spricht ein Mantra aus den Veden, den heiligen Schriften des Hinduismus. Er beendet die Zeremonie, indem er rote Kurkuma auf den Roller streut und Menaka ein wenig davon auf die Stirn tupft. Dann startet Menaka den Motor und lässt ihn aufheulen. Im ersten Augenblick scheint sie überfordert: Wo war noch mal das Gas? Wo ist die Bremse? Sie hat Mühe, den Roller aufrecht zu halten, nachdem sie ihn vom Ständer geschoben und unter lautem Jubel von Dhana und anderen Zuschauern die Zitrone zerquetscht hat.

Menschen an der Autobahn

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Ein vielversprechender Anfang. Aber jetzt sieht es so aus, als ob sie gleich seitlich in den Verkehr kippen würde, der keinen Meter von ihr entfernt auf der Straße vorbeirauscht. Erschrocken halte ich sie am Lenker fest. "Können Sie überhaupt Roller fahren?" Ich muss schreien, um mich über das Knattern des Motors hinweg verständlich zu machen. Sie schüttelt lachend den Kopf. "Nein, Sir! Aber ich will es lernen." Schon macht sie einen Satz nach vorn. Es riecht nach verbranntem Gummi. Dhana, der neben ihr herläuft, wird fast von einem Auto gestreift. Seine Schwester gibt Gas und stürzt sich in den Rushhour-Verkehr von Bangalore - Gott Ganesh steht ihr bei.

Die Straße unter Menakas Rädern ist ein Abschnitt des Golden Quadrilateral (GQ) - des Goldenen Vierecks -, der nagelneuen, 5846 Kilometer langen Autobahn, die die bevölkerungsreichsten Städte Indiens, Delhi, Mumbai, Kolkata und Chennai (das frühere Madras), miteinander verbindet. Sie ist Teil des größten und ehrgeizigsten öffentlichen Infrastrukturprojekts in der Geschichte des Landes. Eines Projekts mit einem sozialpolitischen Anliegen: So wie einst das Autobahnnetz der Vereinigten Staaten die amerikanische Gesellschaft mobil gemacht und die Nachkriegswirtschaft in Schwung gebracht hat, soll auch der GQ die Wirtschaft ankurbeln und die Vorteile, die das Wachstum für die boomenden Metropolen hat, auch in die verarmten Dörfer bringen, in denen mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt. Das hoffen zumindest die Inder.

Palm Meadow

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Die 1998 vom damaligen Premierminister Atal B. Vajpayee angekündigte Autobahn wird von den Ausmaßen her nur noch vom nationalen Eisenbahnnetz übertroffen, das von den Briten in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts erbaut wurde. Nachdem Indien im Jahr 1947 unabhängig wurde, praktizierte das Land eine Art südasiatischen Sozialismus im Geiste seiner Gründer Gandhi und Nehru. Die Bevölkerung wuchs explosionsartig, Industrie und Banken wurden zum großen Teil verstaatlicht, die Wirtschaft kam praktisch zum Erliegen. Doch in den neunziger Jahren begann das Land, seine Märkte für ausländische Investitionen zu öffnen. Konzipiert von einer reformfreudigen Regierung, vorangetrieben von Millionen fleißiger junger Menschen, die ausgezeichnet Englisch sprechen und für einen Bruchteil westlicher Löhne arbeiten, erlebte das Land einen rasanten Aufschwung. Und schon bald erkannte man, dass Indiens heruntergekommene Verkehrswege das Wachstum behindern könnten. "Es ist ja nicht so, dass die Straßen bei uns nur viele Schlaglöcher haben", klagte Premierminister Vajpayee Mitte der neunziger Jahre. "Bei uns gibt es nur Schlaglöcher mit ein wenig Straße drum herum."

Eine andere Neuerung der neunziger Jahre - ein Telefonnetz, das parallel zur Autobahn installiert wurde, damit die Straßenbenutzer ständig erreichbar sein können -, hilft den Bauern, die neuen Verkehrswege zu ihrem Vorteil zu nutzen. Sie können nun zum Preis eines Handys und für ein paar Dollar Gebühren im Monat über Hunderte Kilometer hinweg Handel treiben, auf Zwischenhändler verzichten und ihre Transporte selber abwickeln. Andererseits mutet eine neue Autobahn in Zeiten des Klimawandels wie ein Anachronismus an. Was denken Sie, bringt die neue Autobahn mehr Vor- oder Nachteile für die indische Bevölkerung? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 10 / 2008)
Extras

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