Bild: Benoy K. Behl Vergrößern
Parvati, die Frau des Hindu-Gottes Shiva, blickt verzückt von diesem Gemälde aus dem 8. Jahrhundert, einem Prunkstück der geistlichen Kunst Indiens. Es ist im Talagirishvara-Tempel in Panamalai zu sehen.
Diese Bilder verzaubern. Um sie zu erkennen, müssen sich die Augen zunächst an die Dunkelheit der Höhle gewöhnen. Doch schon bald kann man den Blick nicht mehr abwenden. Man sieht die Figur eines Mannes mit freiem Oberkörper. Er trägt eine Krone und hält eine zierliche Lotusblüte. Sein Oberkörper ist leicht gedreht, als ob er sich im Rhythmus einer Musik bewegt, die nur er hören kann. Sein Gesicht strahlt eine tiefe Ruhe aus. Die Augen sind halb geschlossen, die Lippen zeigen ein kaum wahrnehmbares Lächeln. Er scheint in den süßesten aller Träume versunken - schon seit dem 5. Jahrhundert, als buddhistische Mönche diese Höhlentempel im zentralindischen Ajanta bewohnten. Sie waren eigens für sie aus dem Fels geschlagen worden. Der Name dieser glückseligen Figur ist Bodhisattva Padmapani, im buddhistischen Glauben ein Erleuchteter, der für unendliches Mitgefühl steht. Man findet sie am Eingang zu einem der Schreine. Padmapani ist der Wächter, der allen, die eintreten, eine Vision des Friedens darbietet. "Das Gemälde ist ein Spiegel", flüstert mein Führer, der indische Fotograf und Filmemacher Benoy Behl. "Es zeigt uns den göttlichen Teil unseres Selbst."
Ausgangspunkt unserer Reise war Aurangabad, eine Provinzstadt östlich von Mumbai. Wir kamen an brachliegenden Baumwollfeldern vorbei, deren vulkanische Erde schwarz wie Tinte war, umkurvten Rinder mit blau und rot bemalten Hörnern, bis wir nach etwa einer Stunde an einem Aussichtspunkt über einer Schlucht des Flusses Waghora anhielten. Ein breiter Felsabhang aus Basalt ist dort von mehr als zwei Dutzend künstlich angelegten Höhlen durchlöchert. Die Fassaden ihrer Eingänge sind mit Säulen und Skulpturen geschmückt, die an die Gräber und Tempel in der antiken Stadt Petra in Jordanien erinnern. Die meisten Höhlentempel wurden unter Harishena angelegt, der Mitte des 5. Jahrhunderts n. Chr. über weite Teile Zentralindiens herrschte. In den Höhlen von Ajanta lebten mehrere hundert Mönche. Sie blickten in eine Schlucht, die in der Regenzeit von Juni bis September von grüner Vegetation überzogen war. Wasserfälle ergossen sich die steilen Felswände hinab. Doch in den trockenen Monaten ist im Flussbett nichts als Staub. Die Höhlen bieten dann eine willkommene Zuflucht vor der Hitze.
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Vishnu schreitet durch das Universum, um einen Dämon zu besiegen: In indischen Höhlentempeln wie hier in Badami sind Darstellungen der Gottheiten kunstvoll aus dem Fels gemeißelt. Solche Hindu-Tempel entstanden im 6. Jahrhundert an vielen Orten des Subkontinents. In ihnen wurden hinduistische und buddhistische Gottheiten verehrt.
Sie dienten einst als Gebetshallen (chaityas) oder Wohnquartiere (viharas). Innen gibt es meist einen zentralen, mit Säulen bestandenen Raum, der in einen Schrein führt, in dem bis heute eine Buddha-Statue steht. Von den äußeren Korridoren öffnen sich Durchgänge in die Mönchszellen, in denen nichts steht außer einem Bett aus Stein. Aber die Wände! Ein einziger Blick schon entführt den Betrachter in eine andere Welt. Die kunstvollsten der 30 Höhlen von Ajanta sollten der Erleuchtung dienen. Viele sind von inspirierenden Gemälden wie dem Abbild des Padmapani bedeckt. Nur Bruchstücke der einst prächtigen Wandmalereien haben die Zeit überdauert, aber es ist noch genug zu sehen, um die spirituelle Stimmung nachzuempfinden, die diese Tempel durchzog. Die gesamte bekannte Schöpfung war wohl an diesen Wänden dargestellt. Es gibt Bilder des Buddha und von Bodhisattvas, weiteren Erleuchteten. Von Prinzen und Prinzessinnen, Kaufleuten, Bettlern und Musikern, Liebenden, Soldaten und heiligen Männern. Von Elefanten, Affen, Büffeln, Pferden, Ameisen. Bäume erblühen, Lotusblüten öffnen sich, Kletterpflanzen ranken sich empor. Die meisten Figuren sind auf jenen vollgedrängten, sorgfältig komponierten Wandgemälden wiedergegeben, die Geschichten (jatakas) aus den zahlreichen früheren Leben des Buddha erzählen. Andere stellen Ereignisse aus dem Leben des historischen Buddha dar - eines indischen Prinzen, der ein Jahrtausend zuvor gelebt hatte. Die Gemälde sind klassische Werke im Stil des 5. Jahrhunderts. Sie sollen Hingabe und spirituelles Bewusstsein fördern. Wer erlebt, wie sie in aller Anmut und Schönheit aus dem Dunkel auftauchen, spürt eine Verbindung zwischen dem Einst und Jetzt.
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Anhänger des Gottes Shiva im Brihadishvara-Tempel in Thanjavur, der im Jahr 1010 als erster monumentaler Steintempel Indiens vollendet wurde.
Nur wenige Besucher sind so beeindruckt worden wie der Fotograf Behl. 1991 erkundete er die Höhlen zum ersten Mal - und war fortan erfüllt von dem Wunsch, sie nur mit dem wenigen vorhandenen Licht auf Film zu bannen.
Ajanta war damals bereits als Weltkulturerbe bekannt. Übereifrige Restauratoren hatten die Wandgemälde allerdings mit Schellack überzogen und so ihre Farben verfälscht. In jüngerer Zeit wurde versucht, die Bilder zu reinigen. Ihr Zustand wurde verbessert, aber wenn man sie bei künstlichem Licht betrachtet oder fotografiert, wirken die Farben und Szenen oft ihrer Vitalität beraubt. Behl hatte bereits Nachtaufnahmen der kolonialzeitlichen Kathedralen von Goa an Indiens Westküste gemacht, mit dem Mond als einziger Lichtquelle. Auch in Ajanta wollte er allein das schwache natürliche Licht in den Höhlen verwenden. Zwei Jahre lang fotografierte er jede einzelne Darstellung von Menschen und Tieren, Pflanzen und Gottheiten, als Nahaufnahme oder Teil größerer Bildkompositionen. Das Ergebnis war überwältigend. "Sie haben wirklich die Dunkelheit besiegt!", rief der Direktor der indischen Regierungsbehörde für Altertümer aus, als er die Aufnahmen sah. Kunsthistoriker waren verzückt. Behl veröffentlichte die Bilder in einem Buch und zeigte sie weltweit in Ausstellungen. Und er fotografierte auch anderswo in Indien frühe Malereien, in Klöstern und Tempeln.
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Freudige Tänzer begrüßen den Hindu-Heiligen Sundara, als er sich zum heiligen Berg Shivas begibt: eine der Davotionalszenen, die auf eine Wand im inneren heiligen Bereich des Brihadishvara-Tempels gemalt sind.
Durch seine Arbeiten sehen Wissenschaftler die indische Kunst des 1. Jahrtausends in neuem Licht - und als Teil einer langen Entwicklung. Früher wurden die Wandmalereien in Ajanta als historischer Zufall betrachtet: als eine isolierte, wenngleich außergewöhnliche Leistung. Jetzt wissen die Kunsthistoriker, dass sie auf frühere Traditionen zurückgehen, deren Einfluss sehr weit reichte.
Über die Höhlenmalereien in Ajanta schreibt Tom O'Neill: "Wer erlebt, wie sie in aller Anmut und Schönheit aus dem Dunkel auftauchen, spürt eine Verbindung zwischen dem Einst und Jetzt." Was meinen Sie, sollte mit aller Kraft versucht werden, solche einzigartigen Kunstschätze zu erhalten? Oder finden Sie die ganze Euphorie überspitzt? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.
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