Im Tal der Tiere

Artikel vom 01.12.2008  —  Autor: Christine Eckstrom
Im Tal der Tiere

Bild: Frans Lanting Vergrößern

Alle Jahre wieder erweckt die Regenzeit die Flussebene das Luangwa in Sambia zu neuem Leben.

Der Luangwa ist einer der größten nicht regulierten Flüsse des südlichen Afrika. In der 50 000 Quadratkilometer großen Baumsavanne, die von dem 800 Kilometer langen Fluss bewässert wird, leben Flusspferde, Elefanten , Giraffen, Löwen, Leoparden, Büffel und eine Fülle anderer Wildtiere. Nur der Mensch war hier immer rar. Das liegt unter anderem an den jährlich wiederkehrenden Überschwemmungen. In jeder Regenzeit gestaltet der Fluss das Land neu. Während er in den trockenen Monaten nur ein knietiefer Bach ist, schwillt er nach Beginn des großen Regens zu einer tosenden braunen Flut an. Er gräbt sich neue Wege und flutet die umgebenden Ebenen und Waldgebiete. Er verhindert über Monate, dass man das breite Tal im Osten Sambias auf der Straße passieren kann. Zu Beginn der trockenen Jahreszeit zieht sich das Wasser zurück und hinterlässt eine verjüngte Landschaft. In den folgenden Monaten steigen die Temperaturen, bis das Land zu glühen scheint und jede Kreatur nach Wasser lechzt.

Ende Oktober ist die Trockenzeit auf dem Höhepunkt. Das Grün auf den Überschwemmungsebenen ist total abgeweidet, heißer Wind treibt Staubteufel über den pulverigen Boden. Bei Einbruch der Dunkelheit kommen die Flusspferde aus den letzten tiefen Tümpeln und trotten in den dunklen Busch. Manche laufen kilometerweit, um etwas zum Fressen zu finden. Viele überleben diese Zeit nicht. Eines Morgens treibt ein Junges vorüber. Tot. Flusspferdkühe nähern sich, schnuppern daran, lecken ihm über die Haut - und wenden sich wieder ab. Die Natur fordert Opfer, aber schlimmer gingen zeitweise die Menschen mit der Tierwelt um. Sogar in den Nationalparks hatten Wilderei und Jagd die Bestände der Flusspferde und Elefanten stark dezimiert. Wachsender Einsicht und einer besseren Durchsetzung der Gesetze ist es zu danken, dass sich beide Arten mittlerweile wieder erholt haben.

Im November ziehen dunkle Gewitterwolken auf, am Horizont rumpelt es. Dann trägt eines Nachmittags der Wind den Geruch des nahenden Regens heran. Bald rauscht das Wasser wie ein Sturzbach herab und spült den Staub von Gras und Bäumen. Über Nacht schießen grüne Schösslinge aus dem Boden. An den Akazien sprießen zitronengelbe Blüten, weiße Trichternarzissen lassen die Ebene aussehen, als wäre sie von Schnee bedeckt. Elefanten und Büffel brechen ins Hochland auf, um sich am frischen Grün zu laben. Impala-Antilopen bringen ihre Jungen zur Welt, Zebras tauchen mit ihren hundegroßen Fohlen aus dem Busch auf. Urplötzlich kreisen Regenstörche über unseren Köpfen. Es sind Tausende. Sie landen und suchen im frischen Gras nach Fröschen und Insekten. Eine neue Jahreszeit ist angebrochen.


(NG, Heft 12 / 2008, Seite(n) 134)
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