Keiner kämpft wie die Cholitas

Artikel vom 01.12.2008  —  Autor: Alma Guillermoprieto  —  Bilder: Ivan Kashinsky
Cholitas

Bild: Ivan Kashinsky Vergrößern

Draußen wird es schon dunkel - und in der größten öffentlichen Sporthalle von El Alto in Bolivien verlieren die Zuschauer allmählich die Geduld. Zwei Stunden sitzen sie bereits hier. Mit wildem Geschrei haben sie verschiedene Kämpfer angefeuert, die im erhöhten Ring gegeneinander angetreten waren - jeder Einzelne hatte Kraft und Geschick auf eindrucksvolle, theatralische Art zur Schau gestellt. Aber diese Pause ist zu lang. Das Publikum wird immer lauter, aus den Lautsprechern dröhnt Discomusik, viele trampeln mit den Füßen und pfeifen gellend. Immer fordernder tönt durch den Lärm der Ruf: "Auf die Bühne mit ihnen!" Die Halle scheint kurz vor einem Aufruhr zu stehen. Endlich flackert die Bühnenbeleuchtung, geht aus und wieder an. Die Discoklänge wechseln in den schweren Rhythmus eines bolivianischen Huayño. Der Moderator richtet ein paar Worte an das Publikum.

Cholitas Yolanda

Bild: Ivan Kashinsky Vergrößern

Dann bewegen sich die Vorhänge vor den Umkleidekabinen, und endlich erscheinen die lang erwarteten und frenetisch beklatschten Stars des Abends: "Yolanda La Amorosa" (Die liebevolle Yolanda) und "Evil Claudina" (Die bösartige Claudina). Ihre Kostüme glänzen im Scheinwerferlicht, während die beiden vor den Tribünenplätzen paradieren, sich im Kreise drehen und ihrem Publikum mit dem koketten Lächeln von Prinzessinnen zuwinken ... bis die Musik abbricht. Das ist das Zeichen, sich in die Kampfarena zu schwingen. Rasch entledigen sie sich ihrer Hüte und Schals, und ... paff, paff, paff! Claudina drischt auf Yolanda ein, Yolanda haut zurück, Claudina versucht auszuweichen, aber Yolanda packt sie an den Haaren, zerrt sie herum und wirbelt sie durch die Luft, dass Petticoats und Zöpfe nur so fliegen, bis Claudina mit lautem Knall auf die Matte kracht! Wie ein Fisch schnappt sie nach Luft. Das Publikum tobt.
Willkommen also in der verrückten Welt des bolivianischen Ringkampfs. Und in der kalten, baumlosen, unwirtlichen Stadt El Alto ("Die Hohe"), 3900 Meter über dem Meeresspiegel. Hier leben eine Million Menschen; die meisten sind in den letzten drei Jahrzehnten hierhergezogen, um dem Elend des bolivianischen Landlebens zu entfliehen. Wer Glück hat, findet eine feste Arbeit in der Hauptstadt La Paz, die von El Alto zu sehen ist. Viele schlagen sich durch, indem sie mit Kleidung, Gemüse, Raubkopien von DVDs, Barbiepuppen, Autoersatzteilen oder kleinen getrockneten Tieren handeln, die man für Zauberrituale verwendet.

Trainingskampf

Bild: Ivan Kashinsky Vergrößern

Die Ärmsten der Hochlandbewohner verdingen sich als Tagelöhner. In der Stadt herrschen katastrophale Verkehrsbedingungen, Brennstoff und Trinkwasser sind ständig knapp. Viele Menschen leiden unter der Monotonie ihrer Tätigkeit und unter extremer Armut. Wenn sie sich durch den Tag gekämpft haben, wollen sie etwas erleben - und man kann nie vorhersehen, auf welche Ideen sie kommen. Zuletzt haben sie sich das Spektakel der cholitas luchadoras ausgedacht, der kämpfenden Cholitas. Sie haben damit die bolivianische Variante der mexikanischen lucha libre wiederbelebt, eines Freistil-Wettkampfs irgendwo zwischen Passionsspiel, Wrestling-Match und Tollhaus. Ein Schrei gellt aus dem Publikum: "Achtung!" Yolanda feiert gerade ihren Sieg, als Claudina ansetzt, sie von hinten zu attackieren. Ruckartig dreht sich Yolanda um - zu spät: Claudina reißt sie zu Boden. Danach klettert sie auf die Seile des Rings und schreit wie eine Irre: "Ich bin die Hübscheste! Ihr seid alle hässlich! Nur meinetwegen sind diese Gringos hier!"

Tatsächlich sind drei der vordersten Reihen von staunenden Ausländern besetzt. Aber die zählen nicht. Die Cholitas treten für ihre Landsleute auf.

Yenny Wilma Maraz Herreras Wohnung

Bild: Ivan Kashinsky Vergrößern

Claudina ist hier eine ruda, eine Böse. Sie hat den Mund voll Limonade und prustet das süße Getränk genau in dem Moment ins Publikum, als die técnica Yolanda, eine Heldin, die gut kämpfen kann, sie packt und in die Zuschauerränge zerrt. Die dort Sitzenden kreischen verzückt und stieben zur Seite. Yolanda gewinnt! Nein, Claudina gewinnt! Aber halt! - erneut stoßen die Zuschauer einen warnenden Schrei aus. Eine neue Figur hat geräuschlos die Szene betreten: "Schwarzer Höllenschlund" mischt sich ins Getümmel und hält Yolanda mit den Beinen in erbittertem Klammergriff.

Die Lage scheint aussichtslos, oder doch nicht? Denn jetzt taucht "Letzter Drachen" auf. Mit einem Stuhl in den Händen. Und er zieht dem "Schwarzen Höllenschlund" damit eins über den Schädel. Claudina scheint den Überblick verloren zu haben. Sie springt in hohem Bogen ihren Verbündeten an, den verachteten "Picudo". Schon tönt der Ansager begeistert durch die Halle: "Endlich! Er ist für alle Zeiten geschlagen!" Jedenfalls fast. Die lucha libre kennt keine endgültigen Niederlagen.

Die wöchentlichen lucha libre-Spektakel in der großen Sporthalle von El Alto lockten vor einigen Jahren immer weniger Zuschauer an. Damals kam Juan Mamani, der als ein rudo unter dem Kampfnamen "El Gitano" auftritt und die ganze Show veranstaltet, die Idee, Frauen das Freistilringen beizubringen und sie in traditioneller Kleidung zum Kampf antreten zu lassen. Was halten Sie davon, dass sich Frauen für Geld und vor allem für Gleichberechtigung im Ring schlagen? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 12 / 2008, Seite(n) 72)
  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus