Jedes Mal, wenn eine Art ausstirbt, entsteht im vielfädigen Gewebe der Biosphäre unseres Planeten ein Loch. Ökologen benutzen dieses Bild gern, um zu verdeutlichen, wie alles miteinander zusammenhängt. Wie viele Löcher dürfen wir zulassen, ehe das Gewebe zerreißt? Und wie groß wäre allein der Schaden durch das Aussterben des Philippinenadlers? Natürlich ist jede Tier- und Pflanzenart Teil dieses verwobenen Ökosystems. Manches Verschwinden erzeugt aber vielleicht nur ein Löchlein. Der Verlust des Philippinenadlers könnte allerdings zu einem unübersehbaren Riss führen. Sein einziger Lebensraum ist der Regenwald auf den philippinischen Inseln. Dort kurvt er mit einer Flügelspannweite von zwei Metern elegant durch das Kronendach der Baumriesen.
Zu seinem Unglück macht nun genau die evolutionäre Anpassung, die ihn zum König des Regenwalds werden ließ, aus ihm einen der am stärksten gefährdeten Greifvögel der Welt. Auf den Philippinen hat der Adler als Jäger keine Konkurrenz durch Tiger, Leoparden, Bären oder Wölfe. Niemand macht ihm die Beute streitig. Deswegen konnte er so groß werden. Ein ausgewachsener Philippinenadler wiegt sechs Kilo, und jedes Brutpaar braucht bis zu 130 Quadratkilometer Wald, um ausreichend Beute für die Fütterung seines Nachwuchses zu finden. Dabei zieht jedes Adlerpaar ohnehin nur jedes zweite Jahr ein einziges Jungtier auf. Der philippinische Biologe Hector Miranda beschreibt das Problem: "Der Wald, in dem sich dieser Adler über lange Zeit entwickelte, ist fast verschwunden. Und wenn der Wald weg ist, wo sollen die Vögel dann überleben?" In keiner Region auf der Welt wird derzeit so viel und so rasch abgeholzt, wie auf den Inseln der Philippinen. Vermutlich mehr als 90 Prozent des einstigen Urwalds sind durch Holzeinschlag und Erschließung bereits vernichtet worden. Ein paar hundert Adlerpaare, so wird geschätzt, teilen sich, was vom Dschungel übrig blieb.
Doch nun steigen ihre Chancen wieder. Auf den Philippinen wächst das Umweltbewusstsein. Eine Reihe verheerender Fluten und Erdrutsche hat im vergangenen Jahrzehnt die Filipinos davon überzeugt, dass der Waldverlust nicht nur für die Natur, sondern auch für die Menschen üble Folgen hat. Überall auf den Inseln sind neue Schutzgebiete ausgewiesen worden. Der 7000 Hektar große Cabuaya-Wald wurde speziell zum Schutz der Adler eingerichtet, und 1995 ist der Philippinenadler zum nationalen Wahrzeichen erklärt worden. Eine Stiftung zum Erhalt dieser Art informiert ihre Landsleute ausgiebig über den Vogel und das ihm drohende Schicksal. Seither verzichtet tatsächlich der eine oder andere Filipino darauf, einen Adler zu schießen - sei es für den Grill, sei es nur als Sport. Im Informationszentrum auf Mindanao können Besucher mehr als ein Dutzend Adler aus der Nähe sehen. Einige wurden aus Fallen gerettet oder mit Schusswunden gefunden. Der größte Erfolg aber ist das Brutprogramm: 21 Jungadler wurden bisher aufgezogen. Sie sollen eines Tages in aufgeforsteten Biotopen auf den Philippinen ihre Freiheit erhalten. Das erste überlebende Küken aus dem Zuchtprogramm ist inzwischen 16 Jahre alt. Als das Männchen schlüpfte, wurde es auf den Namen Pag-asa getauft, was so viel bedeutet wie "Hoffnung".
Der Fotograf Klaus Nigge, 52, lebt in Lünen in Westfalen. Viele seiner Arbeiten sind bei internationalen Wettbewerben ausgezeichnet worden.
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