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Auf den Spuren einer Legende
Lawrence war nicht zum Töten geboren. Das wurde bei einem seiner ersten Einsätze während des Ersten Weltkriegs im Jahr 1916 klar, als der junge britische Offizier eine kleine Einheit beduinischer Kämpfer durch die Berge des westlichen Arabien führte. Sie sollten sich bei Medina einer größeren Truppe anschließen. Es war die Anfangsphase der arabischen Revolte gegen das von Türken regierte Osmanische Reich. Die Engländer unterstützten die Araber - um die Türken zu schwächen, gegen die sie im Krieg standen. Diese hingegen suchten ihr Vielvölkerreich zu erhalten, indem sie für den Sultan-Kalifen und den Pan-Islam als ein alle Ethnien einigendes Band warben. Unterstützt wurden die Türken von den Deutschen, die in der Region durch den Bau der Bagdad- und der Hedschasbahn politischen Einfluss gewinnen wollten. Die Briten meinten, ihre Gegner schwächen zu können, indem sie den arabischen Provinzen halfen, sich aus dem Osmanischen Reich zu lösen. London versprach den Arabern als Lohn für ihren Kampf gegen die Türken ein eigenes Königreich. In dieser Situation trat Thomas Edward Lawrence auf den Plan. Er unterstützte den Guerillakrieg der Stämme gegen die deutsch-osmanischen Truppen und ihr Ringen um die bedeutendsten Stätten des Islam: Mekka und Medina, Damaskus und Jerusalem. Zu jener Zeit war er ein 28-jähriger Forscher mit einem Abschluss in Geschichte und einer Leidenschaft für Archäologie. Seine militärische Erfahrung beschränkte sich darauf, dass er in Oxford Bücher zu dem Thema gelesen hatte.
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Schon als Kind fasziniert von der Geschichte, streunte Lawrence an den Flussufern hinter seinem Elternhaus in Oxford auf der Suche nach Relikten aus der Ritterzeit umher.
Als seine Truppe nun ein felsiges Tal durchquerte, ließ er sie anhalten - und brach zusammen. Er litt an der Ruhr, einer Darmerkrankung. Während er sich ausruhte, entfachte zwischen zweien seiner Leute ein Kampf. Dann fiel ein Schuss. Ein Marokkaner aus seiner Truppe hatte einen anderen Kämpfer erschossen, einen Beduinen vom Stamm der Ageyl. Verwandte des Getöteten forderten Vergeltung. Nun hatte Lawrence einen Mörder vor sich, der um Gnade flehte. Erstmals wurde seine Führung auf eine harte Probe gestellt. Sein Fieber stieg, als ihm klar wurde, was er zu tun hatte. "Es gab noch mehr Marokkaner in unserem Heer, und einen von ihnen durch die Ageyl in Blutrache töten zu lassen, konnte Vergeltungstaten heraufbeschwören", schrieb er später in seinen Kriegserinnerungen "Die sieben Säulen der Weisheit". Selbst wenn einer seiner Männer den Marokkaner hingerichtet hätte, wäre Vergeltung die Folge gewesen. Lawrence blieb keine Wahl: Er selber musste ihn töten. "Ich hieß ihn aufstehen und schoss ihn durch die Brust", schrieb Lawrence, der nie zuvor einen Menschen getötet hatte. "Er fiel auf das Unkraut nieder, das Blut rann ihm in Strömen ... Ich schoss nochmals, aber ich zitterte so, dass ich ihm nur das Handgelenk zerschmetterte. Ich beugte mich vor und schoss ihm ein letztes Mals seitlich in den Hals unter der Kinnlade." Hinterher ging es Lawrence so schlecht, dass ihn seine Leute in den Sattel heben mussten.
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"Unsere kleine Karawane verstummte plötzlich, beschämt angesichts ihrer Winzigkeit zwischen diesen erstaunlichen Berghöhen." Lawrence in seinem Buch "Die sieben Säulen der Weisheit" über das Wadi Rum.
Thomas Edward Lawrence wurde später als "Lawrence von Arabien" weltweit berühmt. Er ging als talentierter Literat, Diplomat und Militär in die Geschichte ein. Kein Geringerer als Winston Churchill nannte ihn "einen der größten Menschen unserer Zeit". Aber da sich Lawrence bei aller Verehrung auch seiner Schwächen bewusst blieb, verfolgte ihn sein Handeln in diesem Krieg ein Leben lang. Lawrence war ein großer Mann in einem kleinen Körper. Seine nur 1,65 Meter ärgerten ihn. Doch seine Physiognomie - blaue Augen, kräftiges Kinn, attraktive Gesichtszüge - und seine aufrechte Haltung ließen ihn größer erscheinen. Wenn ihm jemand vorgestellt wurde, verschränkte er instinktiv die Hände hinter dem Rücken und machte eine kleine Verbeugung. Körperlicher Kontakt, selbst ein Handschlag, war ihm verhasst. Er hatte eine sanfte Stimme, die seine Herkunft aus der Oberschicht durchklingen ließ, und er sagte selten ein Wort zu viel.
Von 1916 bis 1918 diente Lawrence den Arabern als Feisals, ein Sohn des Großscherifs Hussein, Berater und den Briten als Allenbys, ein britischer General, Verbindungsoffizier zum Lager der Araber. Er organisierte nicht nur die britische Militär- und Finanzhilfe, sondern war auch der Anführer einer Guerillakampagne, die die Hedschas-Eisenbahn außer Betrieb setzen sollte. Mit Dynamit legte er türkische Militäreinheiten samt ihrer Ausrüstung lahm - keine geringe Leistung angesichts seiner "Truppen", die oft nur aus schwer berechenbaren Beduinen bestanden.
Später sollte er für die 14. Auflage der Encyclopaedia Britannica unter dem Stichwort Guerilla warfare grundlegende Prinzipien und Probleme dieser Taktik erklären. Zu Beginn genoss Lawrence seine Rolle im Zentrum geschichtlicher Ereignisse. Aber im Verlauf der Kämpfe zerstörte die Realität des Krieges seine Illusionen. Freunde verloren vor seinen Augen ihr Leben, unschuldige Zivilisten mussten Grausamkeiten erleiden, die er sich nie hatte vorstellen können. Er selber tötete Menschen.
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Von der Hedschasbahn sind in Süden Jordaniens nur rostige Eisenteile übrig. Lawrence sprengte Schienen der Türken in die Luft und machte so die Welt auf sich aufmerksam.
Als Lawrence 1918 nach England zurückkehrte, hatten sich die Berichte über seine Taten vom Kriegsministerium bis ins Parlament und darüber hinaus verbreitet. Bald kannte jedermann in England seine abenteuerliche Geschichte. Zuvor in jenem Jahr hatte der amerikanische Korrespondent Lowell Thomas acht Tage mit Lawrence und den arabischen Einheiten verbracht, um für eine Kriegsreportage zu recherchieren. Er ließ sich von früheren Angriffen erzählen und verfasste nach dem Krieg eine Serie bebilderter Vorträge und mehrere effekthascherische Zeitschriftenartikel. Diese Texte waren geprägt von einem romantischen Lawrence-Bild, das ihn als "ungekrönten König von Arabien" feierte. Sie wurden vom Publikum als erholsame Abwechslung begrüßt - die Leser waren die bluttriefenden Berichte aus den Schützengräben Europas leid.
Während Lawrence seinen verlorenen Illusionen nachtrauerte und sich selber wegen seiner Mittäterschaft an dem britischen Täuschungsmanöver verachtete, feierte ihn die Welt. Und als er zu seinem Missfallen entdeckte, dass er das Rampenlicht auf eine gewisse Art doch genoss, war er auf sehr bezeichnende Weise doch ehrlich: "Ich hatte ein Verlangen danach, berühmt zu sein, und ein Entsetzen davor, es könne bekannt sein, dass ich berühmt sein wollte. Aus Verachtung für meine Leidenschaft, mich auszuzeichnen, lehnte ich jede mir angebotene Ehrung ab."
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