Bild: Simon Norfolk Vergrößern
Eines fällt sofort auf: das Fehlen von Gewaltdarstellungen. Die Reliefs in den Ruinen von Persepolis, der ehemaligen Hauptstadt des Persischen Reichs im heutigen Südiran, zeigen Soldaten, die aber nicht kämpfen. Es gibt Waffen, doch sie sind nicht gezückt. Die meisten Darstellungen lassen vermuten, dass hier das Ideal eines humanen Staates gelebt wurde: Menschen aus verschiedenen Ländern versammeln sich, bringen Geschenke mit und legen einander freundschaftlich die Hände auf die Schultern. In einer Epoche, die für ihre Grausamkeit berüchtigt ist, scheint Persepolis ein kosmopolitischer Ort gewesen zu sein - und für viele Iraner sind diese Bilder noch heute eine ergreifende Erinnerung daran, wer ihre Vorfahren waren und was sie taten.
Irans Hauptstadt Teheran ist heutzutage eine pulsierende, smoggeplagte Metropole am Fuß des Elburs-Gebirges. Viele Häuser sind aus kleinen beigefarbenen Ziegeln gebaut. Es gibt einige schöne öffentliche Gartenanlagen und innerhalb vieler Ziegelmauern blühende Privatgärten mit Obstbäumen und Springbrunnen, Fischteichen und Volieren.
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Als ich mich hier aufhielt, wurden zwei im Iran geborene amerikanische Akademiker auf einem Besuch in ihre Heimat inhaftiert. Sie wurden beschuldigt, Einheimische gegen die Regierung aufgewiegelt zu haben, doch schließlich ließ man sie wieder frei. Nach meiner Rückkehr in die USA wurde ich gefragt, ob ich im Iran denn keine Angst gehabt hätte - auch ich hätte ja gefangen genommen werden können. Ich konnte nur antworten: Nein, ich fühlte mich stets willkommen.
Ein Gast ist im Iran König, ihm steht der bequemste Platz zu, das süßeste Stück Obst. Dieser Grundsatz ist Teil eines komplexen Systems ritueller Höflichkeit - taarof genannt -, das hier unterschwellig den Alltag regiert.
Gastfreundschaft, Heiratswerbung, Familienangelegenheiten, politische Verhandlungen: Taarof ist der ungeschriebene Kodex für zwischenmenschliches Verhalten. Jeder wahrt sein Gesicht, doch die wahren Absichten bleiben verborgen.
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"Man zeigt niemals seine wahre Intention", sagt ein Iraner und ehemaliger politischer Gefangener, der heute in Frankreich lebt. "Man will sich keiner Gefahr aussetzen - und unsere Geschichte war immer voller Gefahren." Die lange Geschichte des Iran ist eine Abfolge von Kriegen und Invasionen. Ein Grund für all diese dramatischen Geschehnisse ist die geographische Lage. Zieht man Linien vom Mittelmeer nach Peking oder von Peking nach Kairo oder von Paris nach Delhi, dann verlaufen sie alle durch den Iran. Das Persische Reich entstand, verschwand und wurde erneut gegründet, und das gleich mehrere Male. Die schriftlich überlieferte Geschichte des Landes reicht etwa 2500 Jahre zurück und mündet in die Islamische Republik Iran, die 1979 ausgerufen wurde, nachdem eine zum Teil von rückwärtsgewandten Klerikern angestiftete Revolution den vom Westen unterstützten Schah verjagt hatte.
Die erste konstitutionelle Theokratie der modernen Welt entstand, und die große Frage war: Würde es Geistlichen gelingen, mit einer Extremform des Islam ein Volk zu regieren, das von einer so weltoffenen, nämlich der persischen Vergangenheit geprägt ist?
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Ironischerweise scheint die Islamische Revolution genau die Bindungen an die Antike gestärkt zu haben, die sie unbedingt kappen wollte. Während die Iraner der Vorstellung einer wachsenden Rolle des Islam im öffentlichen Leben zu Anfang der Revolution durchaus offen gegenüberstanden, waren sie nicht darauf vorbereitet, dass man ihnen die Religion mit solcher Strenge aufzwingen würde. Das Familien-, Erb- und Eherecht wurden geändert, mittelalterliche Strafen - öffentliche Steinigung, Erhängen, Abschneiden von Fingern und Gliedmaßen - wurden eingeführt. Die Teheraner Regierung rückt zwar jetzt von einigen dieser archaischen Gesetze ab, doch konservative Mullahs in den Provinzen klammern sich noch an die alten Sitten. Ihr Ziel ist es, sich auf das Paradies vorzubereiten.
Viele Iraner sind aber nicht besonders religiös, wenn es darum geht, in die Moschee zu gehen oder zu fasten. Regeln werden nicht so ernst genommen, Vermittler zwischen dem Einzelnen und Allah hält man für nicht so wichtig. Die spirituelle Reise wird mehr als ein Weg nach innen gesehen, gemäß dem persischen Sprichwort "Sich selbst kennen ist Gott kennen".
Die fortschrittlichen persischen Wurzeln des Iran sind trotz des islamischen Einflusses latent vorhanden. Dessen ungeachtet gibt der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad, ein konservativer Hardliner, dem Westen nicht nach. Er leugnet weiterhin den Holocaust, bedroht Israel und liefert, so die amerikanische Regierung, Waffen und Munition an extremistische Milizen im Irak. Wie lange kann sich Führung des Landes noch gegen die liberalen Tendenzen in der Bevölkerung behaupten? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie nicht, Ihre Anschrift anzugeben.
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