Schimpansen: Fast wie wir

Artikel vom 01.07.2008  —  Autor: Mary Roach  —  Bilder: Frans Lanting
Schimpanse

Bild: Frans Lanting Vergrößern

Die Sonne geht rasch auf, die Dämmerung weckt eine Gruppe von 34 Schimpansen. Die Affen liegen in ihren Baumnestern, die sie am Vortag gebaut haben. Wilde Schimpansen stehen nicht leise auf, sondern mit viel Getöse. Für die Geräusche, die ich höre, gibt es Fachausdrücke: Keuchheulen, Keuchbellen, Schreie, doch in den Ohren eines Neulings klingt es einfach wie ziemlich verrückter Lärm. Man muss beim Zuhören unwillkürlich grinsen. Die Schimpansen leben in einer Baumsavanne, in Ostsenegal und Westmali. Anders als ihre Verwandten im Regenwald verbringen diese Tiere hier den Großteil des Tages am Boden. Die Bäume der Savanne sind klein und wachsen spärlich. Das offene, raue Gelände entspricht der Landschaft, in der sich die ersten Menschen entwickelten. Deshalb sind Schimpansengemeinschaften wie die Fongoli-Gruppe - benannt nach dem Fluss, der durch ihr Revier fließt - für Wissenschaftler so interessant. Die Affen geben Hinweise auf die Entstehung des Menschen. Ich wandere mit der Primatenforscherin Jill Pruetz durch eine karge Hochebene mit roten Felsen. Hier steht kein einziger Baum, der die sengende Äquatorsonne mildern könnte.

Bereits um acht Uhr zeigt mein Schlüsselanhänger-Thermometer 32 Grad an. Getrockneter Schweiß zeichnet Salzränder in unsere Hemden. Jeder von uns trägt drei Liter Flüssigkeit im Rucksack. Beim Abmarsch war das Wasser kühl - bis zum Mittag wird es so heiß sein, dass wir Tee damit machen könnten. Ich erzähle das nicht, um zu klagen, ich will nur zeigen, wie hart das Leben in der Savanne ist. Selbst die sogenannte Mosaiksavanne, mit üppigen Wäldern entlang der Wasserläufe, bietet nur einen kargen Lebensraum. Wer hier überleben will, muss sich anpassen.

Schimpansen der Fongoli-Gruppe

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Pruetz und ich beobachten die Schimpansen, wie sie aus ihren Nestern klettern. Ein großes Männchen hängt an einem Arm an einem niedrigen Ast und schwingt sanft und gemächlich hin und her. Seine Silhouette erscheint völlig aufrecht und erstaunlich menschenähnlich. Er lässt los, landet auf der Erde und schreitet über die Hochebene davon. Die symbolische Bedeutung ist kaum zu übersehen: Ein Schimpanse, von vielen für das unseren ersten homininen Vorfahren am meisten ähnelnde Lebewesen gehalten, springt buchstäblich von den Bäumen und zieht hinaus in die Weiten der Savanne. Es ist, als betrachteten wir die menschliche Evolution im Zeitraffer. Die Ankunft des Menschen vollzieht sich vor unseren Ferngläsern. Die Anthropologin Pruetz, Forscherin an der State University Iowa, berichtete 2007, dass eine Fongoli-Schimpansin namens "Tumbo" wenige Kilometer von unserem jetzigen Standort entfernt dabei beobachtet worden war, wie sie mit ihren Zähnen einen Ast angespitzt hatte. Dann nahm sie die Waffe und stieß wie mit einem Speer auf einen Galago, einen Halbaffen, ein. Diese Beobachtung war eine Sensation: Bis dahin hatte die Wissenschaft die Herstellung von Werkzeugen zur Jagd und zum Töten als eine ausschließlich menschliche Verhaltensweise angesehen.

Fongoli-Schimpanse

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Einigen Wissenschaftlern sind Pruetz’ Berichte von speerschwingenden Schimpansen nicht geheuer. Zu ihnen zählt der Bioanthropologe Richard Wrangham von der Harvard-Universität. Er hat die Aggressivität von Schimpansen im Kibale-Nationalpark in Uganda untersucht. Wrangham ist bekannt für seine Theorie vom "dämonischen Männchen". Sie besagt, dass die brutalen Morde, die Schimpansenmännchen bei Revierkämpfen an Artgenossen begehen, auf eine gewalttätige Veranlagung im Innersten des Menschen hinweisen. Auch der einflussreiche Primatologe Craig Stanford spielt die Bedeutung von Pruetz’ Erkenntnissen herunter. "Das Verhalten ist faszinierend, aber die Beobachtungen sind so vorläufig, dass sie bestenfalls eine kurze Notiz in einer Fachzeitschrift verdienen." Pruetz’ Bericht erschien in der wichtigen Fachzeitschrift Current Biology. In der darauffolgenden Woche beschäft igten sich mehr als 300 Zeitungen, Nachrichtenmagazine und Wissenschaft spublikationen mit Pruetz’ Erkenntnissen, darunter der New Scientist und die New York Times. Das Smithsonian-Institut, eine amerikanische Forschungseinrichtung, die in Washington und New York 18 Museen und Galerien unterhält, erbat sich einen der Speere. Seit die Verhaltensforscherin Jane Goodall über Säuglingsmorde und Kannibalismus bei Schimpansen in Gombe berichtet hatte, wurde keine Nachricht aus der Primatologie so hitzig diskutiert.

Was Schimpansen können

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Pruetz hat vier Jahre damit zugebracht, die Fongoli-Schimpansen an die Anwesenheit der Menschen zu gewöhnen. Primatologen bezeichnen das als Habituation. Seit drei Sommern beobachtet sie die Affen, sechs Tage die Woche folgt sie den Schimpansen von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Man trifft nur selten Menschen, die ihre Arbeit so lieben wie Jill Pruetz. Sie sitzt auf der Erde und macht mit der einen Hand Notizen, während sie mit der anderen Furchenbienen vertreibt. Aus einer Blase an ihrer Hacke sickert Blut durch die Socke. "Manchmal", sagt sie und kratzt an einem Insektenstich, "glaube ich, ich wache auf und habe alles nur geträumt." Denn ihr Einsatz hat sich in jedem Fall gelohnt. Sie beobachtete bei ihren Schimpansen außer dem Einsatz von Werkzeugen bei der Jagd weitere bislang unbekannte Verhaltensweisen: Die Fongoli-Schimpansen baden in Wasserlöchern - andere Schimpansen meiden Seen und Flüsse -, und sie ruhen sich am Nachmittag in kühlen Höhlen aus.

NGS-Projekt: Diese Forschung wird von der National Geographic Society unterstützt.

In der Verhaltensforschung werden häufig aus den Beobachtungen von Primaten Rückschlüsse auf das Verhalten der Menschen gezogen. Halten Sie derartige Erklärungsversuche und beispielsweise Theorien wie die von Richard Wrangham über "dämonische Männchen" im Hinblick auf das menschliche Benehmen für zulässig? Was können wir von solchen Beschreibungen lernen? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 7 / 2008, Seite(n) 114)
Extras

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