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War es der angsterfüllte Schrei eines verendenden Tieres, der den Dinosaurier in die Falle lockte? Der Geruch von verwesendem Fleisch? Was auch immer ihn geködert hatte: Als der Räuber selber in die Schlammgrube geriet, war es auch um ihn geschehen. In Panik warf er sich hin und her, doch es gelang ihm nicht, festen Boden zu erreichen. Schließlich musste er sich seinem Schicksal beugen. Bevor er verendete, lockte sein Kampf noch ein Raubtier an. Und so drehte sich hier eine Todesspirale immer weiter - vor 160 Millionen Jahren nahe der Gobi im Nordwesten Chinas. Das Sediment, zu dem die Schlammgrube im Laufe der Jahrmillionen versteinerte, ist nur ein Teil der aufsehenerregenden Entdeckungen im Junggar-Becken, die den Paläontologen James Clark und Xu Xing in den vergangenen sieben Jahren mit Unterstützung der National Geographic Society gelangen. Sie bieten einen neuen Blick in ein weitgehend unbekanntes Zeitalter der Erdgeschichte: in eine Zwischenphase, die vor rund 165 Millionen Jahren begann und etwa zehn Millionen Jahre andauerte. Damals brachen Kontinente auseinander, und die Dinosaurier erlebten einen Evolutionsschub.
Doch die wenigen gefundenen Fossilien aus diesem Zeitabschnitt waren den Wissenschaftlern lange Zeit ein Rätsel. "Wir konnten die Tiergruppen zwar zeitlich genau bis zu dieser Periode der Erdgeschichte zurückverfolgen", sagt Clark, ein Biologie-Professor an der amerikanischen George-Washington-Universität, "doch dann verlor sich die Spur." Im Jahr 2000 begleitete er Xu vom Institut für Wirbeltierpaläontologie und Paläoanthropologie in Peking auf eine Reise ins Junggar-Becken. Im Jahr darauf organisierten die beiden Forscher eine ausführliche Expedition zur sogenannten Shishugou-Formation, wo man - eine Seltenheit - freiliegendes Gestein findet, das man bis zurück ins mittlere Jura datieren kann. Vor 160 Millionen Jahren lag dort ein Sumpfgebiet am Fuß eines kleinen, mit Vulkanen durchsetzten Gebirges. Die Überreste kleiner prähistorischer Tierarten sind seltener und daher schwerer zu finden als die Spuren großer Lebewesen. Die Ausgrabung eines riesigen Skeletts - etwa eines mehrere Tonnen schweren Sauropoden - kann eine gesamte Feldforschungssaison in Anspruch nehmen. Clark und Xu setzten hingegen darauf, möglichst viele Fossilien zu finden, um die Lücke in der Dinosaurierforschung zu schließen.
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Kaum hatten sie mit der Arbeit begonnen, kam schon eine wahre Menagerie primitiver Lebewesen zum Vorschein: neue Arten von Schildkröten, krokodilartige Tiere, Pterosaurier mit Flügeln, frühe Säugetiere. Ganz oben auf dem Wunschzettel von Clark und Xu stand ein Theropode. Diese Dinosaurier gehören zu der Abstammungslinie, die zu den Vögeln führt. Deshalb war die Aufregung groß, als die Forscher auf das Skelett eines unbekannten zweibeinigen Jägers stießen, bei dem es sich tatsächlich um ein fleischfressendes Urtier aus dieser Gruppe handelte. Dann fanden sie noch mehr Knochen. "Uns wurde klar, dass unter dem ersten Theropoden ein zweiter begraben lag", sagt der Amerikaner. "Und möglicherweise noch weitere." Am Ende bargen sie einen Sedimentblock mit den Überresten von fünf kleinen Dinosauriern. In Peking legten Xu und seine Techniker die Fossilien anschließend mit Mikrobohrern und Zahnstochern frei. Eine Gesteinsanalyse ergab große Mengen Vulkanasche - also einen klaren Hinweis auf einen Vulkanausbruch kurz vor dem Tod der Tiere. Der Geologe David Ebert vom kanadischen Royal Tyrrell Museum ist der Ansicht, dass die Asche den Schlamm im Sumpf zäh werden ließ. Die für kleinere Tiere gefährlichen Gruben entstanden wahrscheinlich durch die Tritte der mächtigen Sauropoden auf dem weichen Boden.
Bisher haben die Forscher um Clark und Xu drei solcher Todesgruben ausfindig gemacht. Jede dokumentiert einen verzweifelten Kampf. In einer kauert ein krokodilartiger neben einem Ceratosaurier. Eine andere enthält drei Ceratosaurier ohne Kopf; möglicherweise wurden die Tiere von Räubern zerrissen, die zu groß waren, um selber stecken zu bleiben. In der eindrucksvollsten ehemaligen Grube fanden die Forscher die Überreste eines 75 Kilo schweren Tyrannosauroiden. Das Fossil ist die älteste und primitivste der besonders gefährlichen Tyrannenechse. Zu dieser Raubtierfamilie gehörte mehr als 90 Millionen Jahre später auch der Tyrannosaurus rex, der furchterregendste aller Dinosaurier. "Was diesen Fund so außergewöhnlich macht", sagt der Saurierexperte Thomas Holtz von der Universität von Maryland, "ist die Tatsache, dass ausgerechnet der König der Tyrannenechsen aus einer so bescheidenen Familie stammt."
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