Rennpferde waren die ersten Opfer in Hendra. Der Vorort von Brisbane an der Ostküste Australiens ist ein ruhiger Stadtteil, geprägt von Rennbahnen, Ställen und Kiosken mit Wettzeitschriften. Die trächtige Stute "Drama Series" stand auf einer Außenweide, als sie erste Symptome zeigte. Sie wurde zur Behandlung in den Stall gebracht, doch ihr Zustand verschlechterte sich zusehends. Trainer, Stallmeister und ein Tierarzt kämpften um das Leben des Pferdes, doch zwei Tage später war die Stute tot, die Ursache unklar. Ein Schlangenbiss? Giftiges Unkraut auf der Weide? Als die meisten Pferde im Stall zwei Wochen später ebenfalls erkrankten, konnten diese Hypothesen ausgeschlossen werden. Die Krankheit war ansteckend. Die Pferde litten an Fieber, Atemnot, Gesichtsschwellungen und Mattigkeit. Manche sonderten aus Nüstern und Maul blutigen Schaum ab. Trotz aller Anstrengungen des Tierarztes verendeten innerhalb weniger Tage zwölf Tiere. Inzwischen waren auch der Trainer und der Stallmeister erkrankt, der Tierarzt blieb gesund. Nach einigen Tagen im Krankenhaus starb der Trainer. Der Stallmeister überlebte.
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Laboranalysen ergaben, dass sich Pferde und Männer mit einem bis dahin unbekannten Erreger infiziert hatten. Die Laborleute nannten ihn anfangs "Pferde-Morbillivirus"; es ist mit dem Masernvirus eng verwandt. Später wurde es in Hendra umbenannt, nach dem Ort seines ersten Auftretens. Der Tierarzt Peter Reid erzählte mir, es habe die Pferde "unfassbar rasch" dahingerafft. "Ich hatte noch nie gesehen, dass ein Virus so etwas anrichtet", sagte er. Den Erreger zu identifizieren, war nur der erste Schritt bei der Lösung des Hendra-Rätsels. Der zweite bestand darin, Herkunft und Überträger des Virus herauszufinden. Und die große Frage war: Warum hier und warum jetzt? Reid fuhr mit mir zu dem Ort, an dem "Drama Series" erkrankt war. Auf der früheren Weide waren inzwischen Einfamilienhäuser gebaut worden. Von dem ursprünglichen Gelände war nicht viel übrig. Aber eine der Straßen endet in einem Kreisverkehr, in seiner Mitte steht ein alter Baum, ein Feigenbaum, unter dem die Stute vermutlich Schutz vor der brennenden Sonne Australiens gesucht hatte. "Das ist er", sagte Reid. "Das ist der verdammte Baum." Ein Sammelpunkt für Flughunde.
Infektionskrankheiten sind Teil der Natur. Ihre Verursacher sind mikroskopische Organismen wie Bakterien und Viren. Sie leben im Körper von Tieren und Pflanzen und werden von diesen weitergegeben, innerhalb der eigenen Art und über Artgrenzen hinweg. Der Vorgang ist - neben Jagd, Fortpflanzung und Energiegewinnung - einer der grundlegenden Abläufe in Ökosystemen. Raubtiere sind relativ große Tiere, die ihre Beute zerkleinern und fressen, um zu überleben. Krankheitserreger wie Viren befallen ihre Opfer von innen. Eigentlich benutzen sie andere Organismen nur, um sich darin zu vermehren und ihre nächste Generation an neue Wirte weitergeben zu lassen. So wie ein Raubtier eigentlich nur bestimmte Beute jagt, ist es bei den Erregern. Der Tod des Wirts ist für das Virus eigentlich schlecht. Aber genau wie ein Löwe gelegentlich von seinem normalen Verhalten abweicht, indem er zum Beispiel statt eines Zebras einen Menschen reißt, kann auch ein Virus ein neues Opfer befallen. Unfälle passieren. Abweichungen kommen vor. Oft bleibt das unbemerkt oder ohne größere Folgen. Manchmal wird damit aber eine ganz neue Reaktionskette angestoßen. Etwa wenn ein Virus von einem Tier auf einen Menschen überspringt, in dieser für ihn ungewohnten Umgebung überlebt und seinen neuen Wirt krank werden lässt. Fachleute reden dann von einer Zoonose (gesprochen: Zo-o-nose).
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Zoonosen gibt es viele: Ebola, Beulenpest, Gelbfieber, Affenpocken, Rindertuberkulose, Lyme-Borreliose, West-Nil-Fieber, Marburg-Fieber, viele Grippeformen, Tollwut, Hanta und eine seltsame neue Krankheit mit dem Namen Nipah, die in Malaysia Schweine und Schweinemäster tötet. Jede dieser Krankheiten wird von einem Erreger verursacht, der von anderen Arten auch auf den Menschen überwechseln kann.
Das ist kein seltenes Phänomen: ungefähr 60 Prozent aller bekannten Infektionskrankheiten des Menschen treten auch bei Tieren auf. Fast alle Zoonosen gehen auf fünf Gruppen von Krankheitserregern zurück: Prionen, Viren, Bakterien, Einzeller und Würmer. Prionen sind anormal gefaltete Eiweißmoleküle, die andere Moleküle dazu bringen, ebenfalls ihre Form zu ändern. Eine der Krankheiten, die sie auslösen, ist der Rinderwahnsinn. Am problematischsten sind die Viren. Sie sind - im Vergleich zu anderen Organismen - simpel gebaut. Doch sie entwickeln rasch neue Varianten, können mit Antibiotika nicht bekämpft werden, sind häufig schwer nachzuweisen, extrem anpassungsfähig.
Aber die Sicherheit und die Gesundheit des Menschen sind nur die eine Seite der Medaille. Die Übertragung von Krankheitserregern ist keine Einbahnstraße; sie verläuft nicht nur von anderen Arten zum Menschen, sondern auch umgekehrt. Masern, Polio, Krätze, Grippe, Tuberkulose und andere Krankheiten sind eine Gefahr für nichtmenschliche Primaten. Im Fachjargon werden diese Arten von Infektionen Anthropo-Zoonosen genannt.
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Jede von ihnen kann durch einen Touristen, einen Forscher oder einen Einheimischen weitergegeben werden. Für eine kleine, isolierte Population von Menschenaffen mit einem relativ kleinen Genpool - wie die Berggorillas in Ruanda oder die Schimpansen in Gombe - könnte das verheerende Auswirkungen haben. Deshalb haben William Karesh und seine Kollegen von der Wildlife Conservation Society für ihr Programm den Slogan "One World, One Health" gewählt: "Eine Welt, eine Gesundheit". Ihre Leitwissenschaft ist die Ökologie: Alles hängt mit allem zusammen. Human- und Tiermedizin sind für sie lediglich Unterdisziplinen der Ökologie. "Man kann die Gesundheit von Wild, Vieh und Menschen nicht isoliert betrachten", sagte er mir. "Es gibt in Wahrheit nur eine Art von Gesundheit" - die Gesundheit und das ökologische Gleichgewicht unseres Planeten.
Tollwut, Tuberkulose und Rinderwahn sind nur drei der Infektionskrankheiten, die durch den Kontakt von Menschen mit Tieren ausgetauscht werden. Was meinen Sie, gibt es eine Möglichkeit, diesen Wechsel von Viren einzudämmen? Oder wird die Gefahr einer Ansteckung durch die globalisierte Welt nur größer? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.
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