Unser aller Erde

Artikel vom 01.10.2008  —  Autor: Charles C. Mann  —  Bilder: Jim Richardson

Die Maschinen sind riesig. Bei der Landwirtschaftsmesse in Wisconsin bestaunen die Farmer Ballenpressen, Scheibenmäher und Traktoren. Die größte Attraktion aber sind Mähdrescher und Feldhäcksler. Prominent vertreten: deutsche Hersteller. Da ist der Jaguar 970 der Firma Claas; der BiGX1000 von Krone protzt mit mehr als 1000 PS. Viele dieser Maschinen wiegen 15 Tonnen, allein ihre Reifen reichen mir über den Kopf. Als Besucher durfte ich einen Traktor Probe fahren, ein elektromechanisches Wunderwerk. Ich hatte keine Ahnung, aber das machte nichts: Der Traktor fährt, über Satelliten gesteuert, ganz von allein. Ich saß hoch oben in der klimatisierten Fahrerkabine, während tief unter meinen Füßen herkulische Räder über die Erde walzten.

Lössplateau in China

Bild: Jim Richardson Vergrößern

Für die Farmer ist es ein Fest zu sehen, wie die Maschinen durch die Maisfelder donnern. Auf lange Sicht aber gefährden sie damit ihre eigene Lebensgrundlage. Der Boden im Mittleren Westen der USA, einer der fruchtbarsten Ackerböden der Welt, besteht zum großen Teil aus lockeren, ungleichmäßigen Erdklumpen und luftgefüllten Hohlräumen. Schwere Erntemaschinen pressen die Erde zu einer gleichförmigen, beinahe undurchdringlichen Masse zusammen. Die Wurzeln der Pflanzen können den verdichteten Boden nicht mehr durchstoßen. Regenwasser dringt nicht mehr ein, fließt an der Oberfläche ab und reißt einen Teil der Krume mit sich. Die Folge: Erosion. Die Verdichtung reicht bis in tiefe Bodenschichten, und es kann Jahrzehnte dauern, sie rückgängig zu machen. Um den Druck besser zu verteilen, statten die Hersteller landwirtschaftlicher Geräte ihre Maschinen mit riesigen Reifen aus. Mit der Satellitennavigation halten die Farmer ihre Fahrzeuge auf ganz bestimmten Wegen, so dass der übrige Boden unberührt bleibt. Dennoch bleibt die Bodenverdichtung eine ernste Gefahr - vor allem in einem Land, in dem sich die Farmer 400 000 Dollar teure Erntemonster leisten können.

Landwirte unsrer Erde

Bild: Jim Richardson Vergrößern

Dabei ist die Verdichtung nur ein Sonderfall, nur ein Problem von vielen, unter denen die Böden auf der ganzen Welt leiden. Von Asien über Afrika bis nach Südamerika geht Ackerland durch Erosion und Wüstenbildung verloren, die der Mensch verursacht. Die bis heute umfassendste Studie zur weltweiten Bodenzerstörung stammt aus dem Jahr 1991. Bereits damals schätzten Wissenschaftler des in den Niederlanden ansässigen Internationalen Informationszentrums für Fragen des Bodens (ISRIC), dass die Menschen schon insgesamt 20 Millionen Quadratkilometer Ackerfläche unbrauchbar gemacht haben. Das ist eine Fläche, so groß wie die Vereinigten Staaten und Kanada zusammen. Wir vernichten den Boden, der uns ernährt.

Lebensmittelknappheit führte in diesem Jahr in Asien, Afrika und Lateinamerika zu Unruhen. Die Ursache war nur zum Teil die Verarbeitung von Biomasse zu Autotreibstoff. Fläche und Qualität der Böden nehmen weltweit ab. Doch die Zahl der Menschen, die essen wollen, nimmt noch zu.

Erdwälle mit Pflanzenschösslingen

Bild: Jim Richardson Vergrößern

Im Jahr 2030 werden voraussichtlich 8,3 Milliarden Menschen die Erde bevölkern. Um sie zu ernähren, müssen die Bauern nach einer Schätzung der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO fast 30 Prozent mehr Getreide anbauen als heute. Doch obwohl wir das wissen, werden wir, fürchten Experten, den Boden noch schneller ausbeuten und zerstören als bisher. Dennoch regt dieses Thema kaum jemanden auf - trotz Hungerkatastrophen und bereits heute spürbar steigender Preise. Das macht die Arbeit für Bodenkundler so schwierig. Sie kennen die Gefahren, sie wissen aber auch um die Möglichkeiten, zerstörte Böden wieder fruchtbar zu machen. Damit würde man nicht nur den Hunger bekämpfen, sagt der Experte Rattan Lal von der Universität Ohio.

Man kann damit auch zur Lösung von Problemen wie der zunehmenden Wasserknappheit und vielleicht sogar der globalen Erwärmung beitragen. "Politische Stabilität, Umweltqualität, Wohlstand und Gesundheit haben die gleichen Wurzeln", sagt Lal. "Auf lange Sicht hängt wirklich alles an der Bewahrung und Wiederherstellung unserer - im wörtlichen Sinne - grundlegenden Ressource: des Bodens."

Die eigentliche Ursache für die Zerstörung der Böden ist in den reichen wie in den ärmeren Ländern gleich: Alles, was zählt, ist die nächste Ernte und der kurzfristige Profit. Darin besteht kaum ein Unterschied zwischen den landwirtschaftlichen Methoden chinesischer Bauern und den Farmern im Mittleren Westen Nordamerikas. Dass derselbe Erdboden noch viele Generationen und eine weltweit wachsende Zahl von Menschen nach uns ernähren soll, kümmert kaum jemanden. Wie kann man das Bewusstsein der Menschen für eine nachhaltige Bewirtschaftung der "Mutter Erde" schärfen? Ist ein Umdenken überhaupt möglich und gewollt? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 10 / 2008)
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