Wenn die Geister zürnen

Artikel vom 01.01.2008  —  Autor: Andrew Marshall  —  Bilder: John Stanmeyer

Gleich wird die Hölle los sein. Doch Udi, ein 60-jähriger Bauer aus dem Dorf Kinarejo auf der indonesischen Insel Java, rührt sich nicht. Und das, obwohl Kinarejo nur viereinhalb Kilometer vom schwelenden Gipfel des Merapi entfernt ist. Obwohl Säulen austretender giftiger Gase und zitternde Seismografen einen kurz bevorstehenden Ausbruch ankündigen. Und obwohl die Regierung die vollständige Evakuierung angeordnet hat. "Ich fühle mich hier sicher", sagt Udi. "Solang der Hüter bleibt, bleib ich auch." Der Merapi ist ein Killer. Fast 3000 Meter erhebt sich der "Feuerberg" über Wälder und Felder. Er gehört zu den aktivsten und gefährlichsten Vulkanen der Welt. 1930 kamen bei einem Ausbruch mehr als 1300 Menschen ums Leben. Selbst in weniger gefährlichen Zeiten steigen Rauchfahnen drohend aus dem Gipfel. Ein Teil der Umgebung, heißt es auf einer lokalen Karte der Gefahrenzonen, "wird immer wieder von pyroklastischen Auswürfen, Lavaströmen, Steinschlägen, toxischen Gasen und herausgeschleuderten glühenden Gesteinsbrocken heimgesucht". Als im Mai 2006 das Grollen des Vulkans anschwillt, fliehen Tausende von seinen fruchtbaren Hängen und ziehen widerwillig in provisorische Camps in tiefer gelegenen, weniger gefährdeten Lagen. Sogar die Affen strömen scharenweise bergab.

Strand von Java

Bild: John Stanmeyer Vergrößern

Nicht so Udi und die anderen Dorfbewohner. Sie warten auf das Losungswort eines Mannes in den Achtzigern mit strahlendem Gebiss und einer Vorliebe für Mentholzigaretten. Mbah Marijan, der Hüter des Merapi, bekleidet einen der wohl seltsamsten Posten im Land. Das Schicksal von Dorfbewohnern wie Udi sowie der 500 000 Einwohner von Yogyakarta, einer Stadt 32 Kilometer weiter südlich, ruht auf seinen schmalen Schultern. Marijan ist für die Rituale zuständig, die das Ungeheuer, das der Legende nach im Gipfel des Merapi haust, besänftigen sollen. Aber diesmal reichen sie wohl nicht aus. Die Warnungen werden dringlicher. Vulkanologen, Militärs, ja sogar Indonesiens Vizepräsident bitten Marijan, der Evakuierung zuzustimmen. Doch er weigert sich. "Es ist eure Pflicht, mit mir zu reden", sagt er zur Polizei. "Und meine Pflicht ist es zu bleiben." Marijans Verhalten würde andernorts vielleicht selbstmörderisch erscheinen, nicht jedoch in Indonesien. Der Archipel aus 17 500 Inseln bildet den westlichen Ausläufer des hyperaktiven Pazifischen Feuerrings. Diese Zone gewaltiger geophysikalischer Kräfte, in der tektonische Platten aufeinanderstoßen, zieht sich über 40 000 Kilometer hufeisenförmig um den Pazifik. Nirgendwo sonst leben so viele Menschen so nahe bei so vielen aktiven Vulkanen - 129 nach einer Zählung. Allein auf Java leben 120 Millionen im Schatten von mehr als 30 Vulkanen, ein Umstand, der in den vergangenen 500 Jahren mehr als 140 000 Menschen den Tod brachte.

Balinesische Hindus

Bild: John Stanmeyer Vergrößern

Ein aktiver Vulkan droht mit vielen Gefahren: mit sengender Lava, erstickendem Schlamm oder Tsunamis, denen nicht selten ein Ausbruch folgt. 1883 löste der vor Javas Küste gelegene Krakatau einen Tsunami aus, der 36 000 Menschen das Leben kostete. Sein Name wurde zur Metapher für eine Naturkatastrophe. Für Marijan ist ein Ausbruch jedoch weniger eine Drohung als vielmehr ein Zeichen für Wachstum. "Das Reich des Merapi wird größer", sagt er und deutet mit einer Kopfbewegung zum rauchenden Gipfel. In Indonesien sind Vulkane nicht nur eine Gefahr, sie schaffen auch Leben. Vulkanasche reichert den Boden an; Bauern auf Java können pro Saison drei Reisernten einfahren. Auf dem benachbarten Borneo mit nur einem Vulkan ist das nicht möglich. Weniger irdisch betrachtet, bilden Vulkane den Mittelpunkt mystischer Überzeugungen, die Millionen von Indonesiern in ihrem Bann halten und Ereignisse auf unvorhersagbare Weise beeinflussen. Die Vulkangipfel ziehen Gurus und Pilger an. Ausbrüche verheißen politische und soziale Umwälzungen. Man könnte sagen, für Indonesien sind Vulkane die Schmelztiegel, in denen sich Weltanschauungen und Religionen - vom Mystizismus bis zum Islam vereinen. Das Land, durch eine Vielzahl von Ethnien und Sprachen geprägt, wird von Vulkanen zusammengehalten. Die Achtung vor ihnen ist geradezu ein nationaler Charakterzug.

Der Vulkan Merapi

Bild: John Stanmeyer Vergrößern

Während sich die Stimmung am Vulkan immer weiter aufheizt, eilen Dutzende Journalisten herbei, um über die Pattsituation zu berichten. Hauptdarsteller: der unerbittliche Marijan, erster Vulkanhüter des Medienzeitalters. Bald sind überall in Yogyakarta T-Shirts mit seinem Konterfei und dem Slogan ”Präsident des Merapi” zu sehen. Eines Morgens treffen Soldaten ein. ”Ich will hier nicht weg”, sagt Marijan. ”Wann ich gehe, ist allein meine Entscheidung.” Zwei Tage später stürzt der Lavadom ein. Im Stadtzentrum von Yogyakarta kommt der Verkehr zum Erliegen. Autofahrer starren mit offenem Mund zu der glühend heißen Steinlawine hoch, die an der Westflanke des Merapi herabfließt - weg von Marijans Dorf. Dank der rechtzeitigen Evakuierung wird niemand verletzt. Antonius Ratdomopurbo, Direktor des Instituts für Vulkanologische Forschung und Technologische Entwicklung in Yogyakarta, ist erleichtert. Dennoch sagt er, Marijan habe nur Glück gehabt. Einen Monat später stürzt der Lavadom erneut ein, diesmal fließt die Lawine südwärts. Wieder verschont das Glück - oder die Vulkangottheit? - Marijans Dorf. Versteht der Hüter des Merapi etwas von Vulkanologie? "Ich weiß es nicht", sagt Ratdomopurbo mit einem verkniffenen Lächeln. "Das müssen Sie ihn schon selber fragen."


(NG, Heft 1 / 2008, Seite(n) 118)
Extras

DVD-Tipp: Das Geheimnis der Vulkane
Spektakuläre Ausbrüche und spannende Hintergrundinformationen erwarten Sie im NATIONAL GEOGRAPHIC-Film Das Geheimnis der Vulkane. mehr...

Buch-Tipp: Extreme der Erde
Ehrfurcht und Staunen vor den größten Wundern der Erde, Schönheit und Schrecken der titanischen Naturgewalten - dieser erstaunliche Bildband nimmt den Leser mit auf eine Reise zu den extremsten Plätzen unseres Planeten: in die trockenste Wüste, die tiefste Schlucht, zu den aktivsten Vulkanen. mehr...

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