Den ersten Blick hat man oft von der Straße. Von der A303 aus, die sich rücksichtslos fast direkt am Eingang des Monuments entlangzieht, wirkt Stonehenge zunächst wie ein belangloser Steinhaufen. Doch selbst wenn das Auge nur kurz hängen bleibt, ist die gedrungene Silhouette so unverkennbar prähistorisch, dass man den Eindruck hat, man wäre in eine Zeitschleife geraten, in eine längst untergegangene Welt. Aus der Nähe betrachtet, inmitten des Durcheinanders aus stehenden und zerbrochenen Steinen, erscheint Stonehenge kleiner als sein Ruf. Ganz deutlich empfindet man aber, was es für eine unglaubliche technische Leistung gewesen sein muss, diese Steine aufzurichten, von denen die größten um die 50 Tonnen wiegen. So einzigartig Stonehenge heute ist, so einzigartig war es sicher schon zur Zeit seiner Entstehung vor etwa 4500 Jahren: ein Monument, das sich an Vorgängerbauten orientiert - aber anders als diese nicht aus Holz ist, sondern aus Stein.
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Die stehenden Pfeiler sind mit den gewaltigen Decksteinen durch Verzapfungen verbunden, wie man sie aus dem Holzbau kennt. Ein beredtes Zeichen dafür, wie radikal neu diese Anlage gewesen sein muss. Dieses Neue, dieses selbstbewusste Wissen, dass es nie zuvor etwas Vergleichbares gegeben hat, strahlen die zerstörten Steine bis heute aus. Die Menschen, die Stonehenge errichteten, waren auf eine uns verborgene Wahrheit gestoßen, um derentwillen sie eine technische Meisterleistung vollbrachten.
Es besteht kein Zweifel, dass die sorgsam platzierten Steine mit Bedeutung aufgeladen sind. Nur: mit welcher? Niemand weiß es, obwohl es im Laufe der Jahrhunderte zahllose Theorien zu dieser Frage gegeben hat. Stonehenge ist das berühmteste prähistorische Kulturdenkmal Europas und eines der bekanntesten, bestuntersuchten der Welt - und dennoch haben wir bis heute keine klare Vorstellung davon, wozu es seine Erbauer eigentlich benutzt haben. In der Vergangenheit haben Archäologen versucht, dieses Rätsel zu lösen, indem sie den Steinen so viele Erkenntnisse wie nur möglich abrangen. Sie untersuchten ihre Formen, Markierungen, ja sogar ihre Schatten. In jüngerer Zeit aber haben sich die Forscher von dem Monument entfernt - weg von den Steinen, hin zu den Überresten eines nahe gelegenen neolithischen Dorfs auf der einen und zu einem zerklüfteten walisischen Berggipfel auf der anderen Seite. Zwar hat sich bis jetzt noch keine eindeutige Antwort herauskristallisiert, doch die noch laufenden Forschungen haben bereits interessante neue Möglichkeiten aufgezeigt.
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In jüngster Zeit häufen sich Hinweise über die Gemeinschaft, die Stonehenge wahrscheinlich genutzt hat. Seit 2003 werden im Rahmen des Stonehenge-Riverside-Projekts, das vom Archäologen Mike Parker Pearson von der Universität Sheffield sowie fünf weiteren Forschern geleitet und von der National Geographic Society mitfinanziert wird, in der Umgebung von Stonehenge neue Grabungen durchgeführt. Sie sind auf Durrington Walls konzentriert, ein riesiges Henge-Monument mit einem Durchmesser von 450 Metern. Durrington liegt fast drei Kilometer nordöstlich von Stonehenge. Es ist seit 1812 bekannt und wurde von 1960 an ausgegraben. Durch Erosion und landwirtschaftliche Nutzung wurde seine früher eindrucksvolle Begrenzung, die aus bis zu 30 Meter breiten und mindestens drei Meter hohen Erdwällen bestand, stark verwischt. In dem riesigen Henge-Monument und in seiner unmittelbaren Umgebung fanden sich Spuren dreier kreisförmiger Holzstrukturen, genauer gesagt: der Überreste ihrer Pfostenlöcher. Zwei davon, der nördliche und der südliche Kreis, liegen im Henge selbst, während ein späteres Monument, das sogenannte Woodhenge, knapp außerhalb steht. "Es gibt Hinweise, dass Holzkreise Orte geheimer Rituale waren, deren Inneres durch Sichtblenden abgeschirmt war", sagt Alex Gibson, ein Experte für Holzkreise von der Universität Bradford. Vor kurzem wurden im Rahmen des Riverside-Projekts innerhalb der Henge-Wälle zwei erhöhte Bauwerke ausgegraben, die über eigene Gräben und Palisaden verfügen. Vielleicht handelt es sich um Wohnhäuser von Würdenträgern, denen die Leitung des Kreises oblag, oder sogar um Kulthäuser.
Parker Pearson betrachtet das von Holzstrukturen geprägte Durrington Walls und das steinerne Stonehenge im Zusammenhang. Durrington Walls hat einen etwa 170 Meter langen Weg zum Avon; desgleichen Stonehenge: Von dort führt ein fast drei Kilometer langer, von Gräben und Wällen gesäumter Weg zu dem Fluss. Diese aufwendig konstruierten Anlagen könnten Zeremonialstraßen gewesen sein. Auch die Unterschiede zwischen beiden Orten sind für ihn aufschlussreich. Während Stonehenge an den Winkeln des Sonnenaufgangs zur Zeit der Sommersonnenwende und des Sonnenuntergangs zur Zeit der Wintersonnenwende ausgerichtet ist, fängt der südliche Kreis in Durrington Walls zur Zeit der Wintersonnenwende den Sonnenaufgang ein. Eine Fülle von Keramikscherben und Tierknochen, vor allem von Schweinen, deutet darauf hin, dass in Durrington Walls viel gespeist wurde.
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In Stonehenge dagegen fand man kaum Keramikscherben. Dafür wurden in Durrington Walls nur wenige menschliche Überreste gefunden, während man in Stonehenge mehr als 50 Orte von Brandbestattungen und andere Gräber nachgewiesen hat. Bis zu 240 Menschen könnten hier bestattet sein - damit wäre Stonehenge der größte neolithische Friedhof in ganz England. Nach Parker Pearsons vergleichender Theorie repräsentiert Durrington Walls das Reich der Lebenden und Stonehenge das Reich der Toten. Gemein hatten beide Stätten jahreszeitliche Prozessionen, die auf ausgebauten Wegen zum Avon führten. Die Asche der meisten Toten wurde dem Fluss übergeben. Andere eingeäscherte Überreste, möglicherweise die der Elite der Gesellschaft, wurden feierlich in Stonehenge bestattet.
Das jüngste Buch von Caroline Alexander "Die wahre Geschichte der Meuterei auf der Bounty" stand 2003 auf der Bestsellerliste der New York Times.
Alljährlich wird Stonehenge zum Wallfahrtsort: Zur Sommersonnenwende finden sich jedes Jahr bis zu 20 000 Menschen, darunter auch so genannte "Neuzeitliche Druiden", im Inneren des Steinkreises zusammen, um den längsten Tag des Jahres zu begrüßen. Was halten Sie von dieser Wiederbelebung des Druidenkults? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.
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