Zielscheibe Erde

Artikel vom 01.08.2008  —  Autor: Richard Stone  —  Bilder: Stephen Alvarez
Gosses Bluff

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Der erste Hinweis ist ein winziger Fleck auf einer Teleskopaufnahme voller Sterne. Über dem Kitt-Peak-Observatorium in Arizona ist soeben die Sonne untergegangen, und David Tholen mustert den Himmel. Sein Ziel: Asteroiden auszumachen. Es ist der 18. Juni 2004, kurz nach 21 Uhr. Tholen hat zwei Helfer engagiert: Seinen Freund, den Ingenieur Roy Tucker, und Fabrizio Bernardi, einen jungen Kollegen von der Sternwarte Hawaii. Während sie den Computerbildschirm fixieren, erscheinen dort nacheinander drei Bilder des gleichen Himmelsabschnitts, aufgenommen im Abstand von wenigen Minuten. "Da ist er", sagt Tucker und zeigt auf einen weißen Punkt, der sich von Bild zu Bild weiterbewegt. Der Brocken ist größer als ein Fußballstadion, und alle paar Jahre taumelt er nahe an der Erde vorbei.

Etwa zehn Millionen Asteroiden aus massivem Fels sowie Kometen aus Eis und gefrorenem Staub ziehen im erdnahen Weltraum ihre Bahnen. Hin und wieder kreuzt einer von ihnen unsere Umlaufbahn - manchmal mit heftigen Folgen. Vor 14,5 Millionen Jahren stanzte ein Asteroid von etwa 700 Meter Durchmesser einen 25 Kilometer breiten Krater in die Landschaft zwischen den heutigen Städten Nürnberg, Stuttgart und München: das Nördlinger Ries. Im Umkreis von hundert Kilometern wurde alles Leben vernichtet. Noch bekannter ist der Klotz, der vor rund 65 Millionen Jahren in den Golf von Mexiko krachte. "Damals brannte die Welt", sagt der amerikanische Astrophysiker Edward Lu. Drei Viertel aller Lebensformen starben aus, unter ihnen die Dinosaurier.

Asteroid

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Die Astronomen haben mehrere Hundert Asteroiden identifiziert, die so groß sind, dass sie eine weltweite Katastrophe verursachen könnten. Überdies wimmelt es am Himmel von kleineren Asteroiden, die bei einem Einschlag regional schlimme Folgen haben könnten - wie zuletzt vor 100 Jahren. Am 30. Juni 1908 stürzte ein Objekt von der Größe eines 15-stöckigen Hauses auf Tunguska, einen abgelegenen Teil Sibiriens. Der Himmelskörper explodierte einige Kilometer über der Erdoberfläche und setzte auf einer Fläche von mehr als 2000 Quadratkilometern die Bäume in Brand oder knickte sie um. Der Staub der Explosion oder die Eiswolken des Wasserdampfes, der dabei in die oberen Atmosphärenschichten gelangt war, erhellten den Nachthimmel so stark, dass man in Europa im Freien die Zeitung lesen konnte. Die Forscher wollen nicht nur den Zeitpunkt einer Katastrophe voraussagen. Sie wollen helfen, sie möglichst zu verhüten. Vor zehn Jahren erteilte der US-Kongress der Nasa die Anweisung, mindestens 90 Prozent der größten Asteroiden und Kometen im inneren Sonnensystem zu identifizieren. 700 wurden bisher erfasst. Im Jahr 2005 forderte der Kongress dann, auch Asteroiden mit einem Durchmesser ab 140 Metern aufzuspüren. Sie wären groß genug, um eine Stadt wie Berlin zu zerstören.

Bombe aus dem All

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Möglicherweise werden die politisch Verantwortlichen irgendwann im Laufe der nächsten Jahrzehnte eine Entscheidung treffen müssen: Soll man ein näher kommendes Objekt ablenken? Und wenn ja, wie? Edward Lu hat schon auf der Internationalen Raumstation ISS gearbeitet. Heute ist er an der Planung einer großen Datenbank für das Large Synoptic Survey Telescope beteiligt, den Nachfolger von Pan-STARRS. Es soll den Himmel von 2014 an noch genauer nach kosmischen Quertreibern absuchen. Lu arbeitete auch an der Entwicklung eines Raumfahrzeugs mit, das einen Asteroiden abdrängen kann. "Anfangs haben wir daran gedacht, auf so einem Asteroiden zu landen und ihn mit der Kraft der Antriebsdüsen zu schieben", sagt er. "Aber das funktioniert nicht." Ziehen könnte einfacher sein.

Ein Raumfahrzeug könnte in der Nähe des Asteroiden seine Schubdüsen zünden und ihn allein durch seine schwache Anziehungskraft aus der ursprünglichen Bahn lenken - zwar nur um eine Winzigkeit, aber das würde bei den ungeheuren Entfernungen im Weltraum ausreichen, den Asteroiden an der Erde vorbeifliegen zu lassen.
Einen kleinen Brocken könne man einfach rammen. In diesem Fall wäre die richtige Dosierung der Energie das Problem: Der Asteroid könnte auseinanderbrechen, ohne dass sich die Bruchstücke weit verteilten. Und bei einem sehr großen Asteroiden oder Kometen hätte sowieso nur eine Strategie Aussicht auf Erfolg: Er müsste durch eine Bombe zerstört werden.

Umlaufbahnen gefährlicher Asteroiden und Kometen

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Der Kernphysiker David Dearborn vom Lawrence Livermore National Laboratory in Kalifornien plädiert für die Atombombe. "Sie darf nur nicht zu nahe dran sein, sonst erzeugt die Explosion zu viele Trümmer. Sie darf aber auch nicht zu weit weg sein, sonst reicht die Energie nicht aus." Technisch mag es recht einfach sein, ein paar Raketen mit Atomsprengköpfen auf einen Asteroiden abzufeuern. Die Entscheidung aber, welcher Staat den roten Knopf drücken soll, könnte politisch heikel werden. Doch wenn die Katastrophe droht, sagt Dearborn, "müssten sich die Menschen wirklich fragen: 'Sollten wir nicht klüger sein als die Dinosaurier?'"

Mehr als 5400 Asteroiden und Kometen haben Wissenschaftler bisher in einem Umkreis von knapp 200 Millionen Kilometern um die Sonne nachgewiesen. Damit gelten sie als "erdnah". Wenn sie mehr als 140 Meter messen und sich der Erdumlaufbahn auf weniger als 7,4 Millionen Kilometer nähern, sind sie als "potenziell gefährlich" eingestuft. Derzeit sind das mehr als 950 solcher Himmelskörper. Was meinen Sie, sollte sich die Menschheit für die Abwehr derartiger Himmelskörper rüsten? Wie sollte eine solche planetare Gefahrenabwehr institutionalisiert werden? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 8 / 2008, Seite(n) 56)
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