Afghanistans geheime Schätze

Artikel vom 01.06.2009  —  Autor: Roger Atwood  —  Bilder: Richard Barnes

Massoudi weiß, wie man ein Geheimnis hütet. Er leitet das Nationalmuseum in Kabul. Wie die Franzosen, die im Zweiten Weltkrieg Kunstwerke vor den Nazis versteckt hatten, setzten auch er und ein paar handverlesene Vertraute ihr Leben aufs Spiel - für die historischen Kulturschätze Afghanistans. Diese Männer waren tahilwidars, Schlüssel­wächter. Heimlich brachten sie die antiken Artefakte in Sicherheit, als sie ihr Land in den Abgrund taumeln sahen.

Im Dezember 1979 waren die Sowjets in Afghanistan einmarschiert. Von 1992 an folgte ein brutaler Bürgerkrieg, der weite Teile der Hauptstadt Kabul als Trümmerfeld zurückließ. Während Warlords um die Kontrolle der Stadt rangen, plünderten Kämpfer das Nationalmuseum. Sie verkauften die wertvollsten Objekte und entzündeten mit den Archivunterlagen ihre Lagerfeuer. Im Jahr 1994 geriet das Gebäude unter Raketenbeschuss, dabei wurden das Dach und das oberste Stockwerk zerstört. Die letzte Attacke erfolgte 2001: Eiferer der Taliban stürmten das Museum, schwangen ihre Hämmer und zerschlugen all jene Kunstwerke, die in ihren Augen gegen das koranische Bilderverbot verstießen.

Am Ende lagen mehr als 2000 Ausstellungsstücke in Scherben. Museumsdirektor Omara Khan Massoudi und seine Mitarbeiter schwiegen in all diesen dunklen Jahren über die Bestände, die sie 1988 in Tresoren unter dem Präsidentenpalast versteckt hatten. Dazu gehörte auch der berühmte Goldschatz von Baktrien. Als die sowjetische Besatzung vom Bürgerkrieg abgelöst wurde, befürchteten Forscher, dass sie diese einzigartigen Kunstobjekte nie wieder zu Gesicht bekommen würden. Viele glaubten, sie seien entweder Stück für Stück auf dem Schwarzmarkt verramscht worden oder dem Bildersturm der Extremisten zum Opfer gefallen.

Im Oktober 2003 - zwei Jahre nach dem Sturz des Taliban-Regimes - waren die meisten Schlüsselwächter nicht mehr auffindbar oder aus Afghanistan geflohen. Massoudi entschied, es sei an der Zeit, das Versteck zu öffnen. Hatten die Meisterwerke den Krieg überstanden? Als Schlosser die Tresore aufbrachen, war der Schatz von Baktrien noch vollständig vorhanden - genau so, wie ihn das Museumspersonal einst in Seidenpapier verpackt hatte. Fünf Monate später öffneten Forscher einige Truhen, die sie in demselben unter­irdischen Raum wiederentdeckten. Und sie machten einen weiteren wunderbaren Fund: 2000 Jahre alte, unschätzbar wertvolle Elfenbein­schnitzereien und Glaswaren, die in den dreißiger Jahren an einer Stätte namens Begram ausgegraben worden waren. Auch diese Objekte hatten Massoudis Leute still und leise dort versteckt. Die Stücke waren erstaunlich gut erhalten.

"Wenn wir die Schätze Afghanistans nicht verborgen hätten, wären sie verloren gegangen. Ohne Zweifel. Alle, die Bescheid wussten, haben geschwiegen", sagt Massoudi. Sein Museum - Afghanistans Museum - ist mithilfe der Unesco und anderer Geldgeber wieder aufgebaut worden. Heute herrscht dort emsiger Betrieb. Kuratoren huschen von Raum zu Raum und vermessen das Gebäude für künftige Ausstellungen. Schulmädchen mit Kopftüchern scharen sich um ihre Lehrer und lauschen andächtig deren Erklärungen. An der Tür halten Polizisten in grauem Flanell Wache. Und die Depoträume füllen sich mit Werken, die von Sammlern gespendet oder als Raubkunst entlarvt wurden. 2007 etwa brachte die Regierung in Dänemark 4000 Stücke, die von der dortigen Grenzpolizei im Lauf der Zeit konfisziert worden waren, nach Kabul zurück.

Im selben Jahr übergab auch das Afghanistan-Museum im schweizerischen Bubendorf seine Bestände dem Museumsdirektor - weitere 1500 Objekte. Zuletzt konnten am 17. Februar 2009 mithilfe des Roten Kreuzes sowie der National Geographic Society 3,4 Tonnen afghanischer Artefakte rückgeführt werden, die der Zoll am Londoner Flughafen Heathrow innerhalb der vergangenen sechs Jahre beschlagnahmt hatte.

In der Eingangs­halle des Museums erklärt Massoudi, welchen Aufwand die Wiederherstellung des nationalen Erbes erfordert. In einer Vitrine ist die lebensgroße Statue eines Bodhisattva ausgestellt, eines buddhistischen Heiligen aus dem 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Damals war Afghanistan ein überwiegend buddhistisches Land. Die Taliban hatten das Standbild aus gebranntem Ton zertrümmert, aber Restauratoren fügten die Bruchstücke zusammen. Man sieht die Fugen noch, aber das Gesicht des Standbilds leuchtet wieder in verzückter Gläubigkeit. "Immer wenn ein Kunstwerk ausgebessert ist, präsentieren wir es den Besuchern. Eines nach dem anderen. Das werden wir noch viele Jahre lang so machen", sagt Massoudi.

Die eindrücklichsten Kulturschätze aber, die jene lange Zeit im Verborgenen gehalten wurden, können noch nicht in Kabul ausgestellt werden. Dem Museum fehlt ein angemessenes Sicherheitssystem und Personal, um sie zu schützen. Selbstmordanschläge in und um Afghanistans Hauptstadt machen immer wieder das Ausmaß des Risikos deutlich. Angesichts dieser Schwierigkeiten haben die Afghanen ihre schönsten Artefakte zu einer spektakulären Wanderausstellung zusammengestellt und rund um die Welt geschickt. Auf Bitten der afghanischen Regierung hat die National Geographic Society die Werke katalogisiert und geholfen, die Schau mit dem Titel "Afghanistan. Hidden Treasures from the National Museum, Kabul" zu organisieren.

Vor den Sowjets wurden sie versteckt, vor den Taliban gerettet. Jetzt endlich sind die antiken Kunstgüter Afghanistans wieder ans Licht gekommen - und können im kriegsgeplagten Land doch nicht gezeigt werden. Können die Artefakte dennoch dazu beitragen, ein neues Bild von Afghanistan zu zeichnen - nämlich das eines Landes, dessen historischer Reichtum von einem großen kosmopolitischen Geist zeugt? Schreiben Sie uns Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.

In Afghanistan begegnen sich seit je die Kulturen. Die Vielfalt der Seidenstraße brachte unvergleichliche Kunstschätze hervor. Die DVD "Schätze der Antike" präsentiert die spannende Geschichte dieser Artefakte und begleitet Wissenschaftler auf ihrer Suche nach dem verschollenen dritten Buddha von Bamiyan, dessen berühmte Gegenstücke im Jahr 2001 von den Taliban zerstört wurden. Hier können Sie sich den Trailer anschauen:


Video: Afghanistan - Schätze der Antike
Lesen Sie hier die Reportage "Afghanistans geheime Schätze".

(NG, Heft 6 / 2009)
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