Afrikas letzte Jäger und Sammler

Autor: Michael Finkel  —  Bilder: Martin Schoeller
Frage des Monats
Woraus stellen die Hadza das Gift her, das sie beim Jagen auf ihre Pfeilspitzen schmieren?
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Auch für die Hadza stand die Zeit nicht still. Doch trotz der um sie herum aufkommenden Landwirtschaft, trotz teilweiser industrieller Entwicklung und trotz des herandrängenden Tourismus haben viele ihre traditionelle Lebensweise beibehalten. Sie führen keine Kriege. Sie waren nie viele und leben so verteilt, dass Epidemien ihnen nichts anhaben konnten. Onwas und die Menschen in seinem Lager haben keinen nennenswerten persönlichen Besitz: einen Kochtopf, einen Wasserbehälter, eine Axt – nicht mehr, als in eine Decke gewickelt über der Schulter getragen werden kann. Sie haben viel freie Zeit, denn sie „arbeiten“ nur vier bis sechs Stunden täglich – das heißt, sie beschaffen Nahrung.

Dennoch gibt es keine Hungersnöte in ihrer Geschichte, im Gegenteil: Es kam vor, dass sie Ackerbau treibende Volksgruppen nach einer Missernte zeitweise unterstützten. Die Hadza leben buchstäblich von der Hand in den Mund, von dem, was sie sammeln und erjagen. Aber ihr Speisezettel ist abwechslungsreicher als der der meisten Menschen auf der Welt.

Die Frauen sammeln Beeren und die Früchte des Affenbrotbaums, außerdem graben sie essbare Wurzelknollen aus. Die Männer suchen Honig und jagen, üblicherweise jeder für sich. Die Hadza essen fast alles, was sie töten können, von Vögeln über Gnus bis hin zu Zebras und Büffeln. Sie essen Warzenschwein, Buschschwein und Schliefer. Und sie lieben gebratenen Pavian. Eine Ausnahme sind Schlangen. Die Hadza hassen Schlangen.

Das Gift, das die Männer auf ihre Pfeilspitzen schmieren, besteht aus dem gekochten Saft der Wüstenrose (Adenium obesum). Es ist stark genug, um eine Giraffe zu töten, reicht aber nicht für einen ausgewachsenen Elefanten. Wenn Jäger auf einen verendeten Elefanten stoßen, kriechen sie in ihn hinein, schneiden Fleisch, Fett und Organe heraus und kochen alles auf einem Feuer. Ist ein noch verwertbarer Kadaver zu groß, um ihn ins Lager zu schleppen, verlegen sie eben ihr Camp zum Fleisch.

Hadza-Lager sind lose Zusammenschlüsse von Verwandten und Freunden. Es gibt einen Familienkern – in diesem Fall sind es Onwas sowie seine Söhne Giga und Ngaola –, aber die meisten anderen kommen und gehen nach Belieben. Die Hadza akzeptieren keine offiziellen Oberhäupter. Ihre Lager werden traditionell nach einem älteren Mann benannt, doch diese Ehre geht nicht mit besonderer Macht einher. Jeder ist sein eigener Herr. Niemand besitzt mehr als andere. Besser gesagt: Niemand besitzt viel. Es gibt nur wenige Verpflichtungen, keine Geburtstage, keine religiösen Feiertage, keine Gedenktage.

Die Leute schlafen, wann sie wollen. Die besten Jagdzeiten sind Morgengrauen und Abenddämmerung. In der übrigen Zeit halten sich die Männer oft im Lager auf, richten ihre Pfeile, schnitzen ihre Bögen, flechten Bogensehnen aus den Bändern von Giraffen oder Impalas. Nägel für ihre Pfeilspitzen erwerben sie im Tausch gegen Honig, ebenso Plastik- und Glasperlen, aus denen die Frauen Halsketten fertigen. Schenkt eine Frau einem Mann so eine Kette, hat sie ein Auge auf ihn geworfen.

Hochzeiten gibt es nicht. Ein Paar, das eine Zeitlang am selben Feuer schläft, betrachtet sich wohl schließlich als verheiratet. Die meisten Hadza, die ich treffe – Männer wie Frauen –, leben in serieller Monogamie: Alle paar Jahre wechseln sie den Partner. Onwas ist eine Ausnahme; er und seine Frau Mille sind schon ihr ganzes Erwachsenenleben zusammen. Sieben ihrer Kinder haben überlebt, sie haben viele Enkel. Es gibt viele Kinder im Lager. Eine winzige Frau namens Nsalu ist sozusagen die Großmutter für alle; sie betreut die Kinder, während die Erwachsenen im Busch sind. Abgesehen von den Säuglingen, die noch gestillt werden, ist es schwer zu sagen, welches Kind zu welchen Eltern gehört.

Die Geschlechter haben unterschiedliche Rollen und Aufgaben, aber die Frauen sind nicht untergeordnet. Viele, die außerhalb der Gruppe heiraten, kommen zurück. Es sind häufig die Frauen, von denen eine Trennung ausgeht – weil ihr Mann sie schlecht behandelt hat oder weil er ein miserabler Jäger ist. Sie sind selbstbewusst und nicht schüchtern. Nduku, meine selbst ernannte Sprachlehrerin, verbringt einen Gutteil des Unterrichts damit, mich gnadenlos zu verspotten. Oft wälzt sie sich lachend am Boden, wenn meine Zunge es wieder nicht schafft, die so fremdartigen Schnalzlaute hervorzubringen.


(NG, Heft 12 / 2009)

Im Buschland von Tansania leben einige Menschen noch wie ihre Ahnen vor 10000 Jahren: als Jäger und Sammler. Sie jagen, wenn sie hungrig sind, und schlafen, wenn sie müde sind. Über morgen machen sie sich keine Gedanken. Ein Bericht aus einer anderen Welt mit Bildern des Fotografen Martin Schoeller, einem der größten Porträtkünstler unserer Zeit. mehr...

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