Auf Darwins Spuren

Artikel vom 01.02.2009  —  Autor: David Quammen

Die Schiffsreise, die Charles Darwin von 1831 bis 1836 mit der Beagle unternahm, gehört zu den bekanntesten Episoden der Wissenschaftsgeschichte. Der Legende nach hatte Darwin auf der 10-Kanonen-Brigg als Naturforscher angeheuert und besuchte die Galápagosinseln, wo er Finken und Riesenschildkröten beobachtete. Die verschiedenen Finkenarten waren an ihrer variierenden Schnabelform zu erkennen, die auf eine Anpassung an bestimmte Nahrung schließen ließ. Die Schildkröten trugen auf den verschiedenen Inseln unterschiedlich geformte Panzer. Aufgrund dieser Beobachtungen gelangte Darwin (sofort?, viel später? - in dieser Hinsicht bleibt die Legende unklar) zu der Erkenntnis, dass die Vielfalt allen Lebens durch natürliche Abstammung und damit einhergehende allmähliche Abwandlungen entstanden ist - und zwar durch den Mechanismus der natürlichen Selektion. Er schrieb ein Buch mit dem Titel "Die Entstehung der Arten" und überzeugte seine Zeitgenossen (mit Ausnahme der anglikanischen Kirche), dass alles Leben auf der Welt so entstanden ist.

So weit der gängige Kurzbericht über die Entstehung der Evolutionstheorie. Selbst wenn er nicht direkt falsch ist, stellt er doch einige Kausalitäten verkürzt dar und verschweigt vieles. Beispielsweise waren die Galápagos-Finken anfangs für Darwin gar nicht so aufschlussreich wie die Spottdrosseln - und eine Erklärung für seine Beobachtungen fand er erst, als er wieder in England war und sich von einem Vogelexperten helfen ließ. Außerdem war der Aufenthalt auf dem Galápagos-Archipel nur eine Episode kurz vor dem Ende der "Beagle"-Expedition, die eigentlich den Auftrag hatte, die südamerikanische Küste zu kartieren. Und Darwin war auch nicht als Naturforscher an Bord, sondern als Gesellschafter des jungen adligen Kapitäns Robert FitzRoy. Weil mehrere andere die Teilnahme an der Reise abgesagt hatten, wurde schließlich der 22-jährige Darwin, der gerade sein Theologiestudium in Cambridge absolviert hatte, zum Tischgenossen des cholerischen Schiffsführers. Eigentlich wollte er damals noch Geistlicher werden; erst im Lauf der fünf Jahre dauernden Weltreise wandelte er sich zum Naturforscher.

Seine Evolutionstheorie entwickelte Darwin langsam und im Geheimen; sein Hauptwerk "Über die Entstehung der Arten" erschien erst 1859 - mehr als 20 Jahre nach der "Beagle"-Reise. Einige Wissenschaftler und vor allem viele Geistliche wollten seine Argumente noch jahrzehntelang nicht anerkennen. Doch die Allgemeinheit akzeptierte schon bald, dass die Evolution eine Tatsache ist. Aber Darwins spezielle Theorie, wonach natürliche Selektion ihre wichtigste Ursache darstellt, erlebte ihren Triumph erst in den 1940er Jahren - nachdem man sie erfolgreich mit den Erkenntnissen der Genetik verknüpfen konnte. Noch einen weiteren Punkt lässt die gängige Legende außer Acht: Auf die Idee, dass Arten sich verändern, kam Darwin nicht erst auf den Galápagosinseln, sondern bereits drei Jahre zuvor an einem stürmischen Strand der argentinischen Küste. Und seine Anhaltspunkte waren auch keine Vogelschnäbel, sondern Fossilien. Vergessen wir also erst einmal die Finken. Wer die Reise der "Beagle" mit neuen Augen sehen will, sollte bei Gürteltieren und Riesenfaultieren beginnen.

Nachdem die Besatzung der "Beagle" ihre Vermessungsarbeiten in Südamerika abgeschlossen hatte, segelte sie noch ein Jahr lang um die Welt. Im Oktober 1836 kehrte sie zurück nach England. Darwin, mittlerweile 27 Jahre alt und ein erfahrener Naturforscher, war des Reisens überdrüssig und sehnte sich nach einem Zuhause. Er war inzwischen entschlossen, sein Leben nicht als Landgeistlicher zu verbringen, sondern der Wissenschaft zu widmen. Und er hatte zumindest begonnen, seinen Glauben an die Unveränderlichkeit der Arten aufzugeben. Die großen Fragen, die sein ganzes weiteres Arbeitsleben beherrschen sollten, hatte er bereits formuliert, auch wenn er die Antworten vermutlich noch nicht kannte. Nachdem er seine Funde an Fachleute weitergegeben hatte - die Vögel an Gould, die Säugetierfossilien an Owen, die Reptilien an den Zoologen Thomas Bell -, ging er daran, seine Beobachtungen zu ordnen und seine Vermutungen zu präzisieren. In geheimen Notizbüchern schrieb er seine Gedanken über Straußenvögel und Guanakos nieder und fragte sich, "ob eine Art sich in eine andere verwandelt". Aber wenn es so war - durch welches Prinzip konnte eine solche Verwandlung ablaufen? Zwei Jahre später las Darwin das Buch Essay on the Principle of Population ("Versuch über das Bevölkerungsgesetz"), in dem der britische Ökonom Thomas Malthus 1798 seine Theorie über die übermäßige Bevölkerungsvermehrung und den damit zusammenhängenden Nahrungsmangel darlegt. Diese Lektüre brachte Darwin auf die entscheidende Idee: Der Kampf ums Dasein, die natürliche Selektion - das waren die Triebkräfte der Evolution! In jeder Population überleben die am besten angepassten Individuen; nur sie hinterlassen also Nachkommen.

Noch 20 Jahre vergingen, in denen Darwin im Geheimen seine Theorie zu untermauern versuchte, sie verfeinerte, weiterentwickelte und Beweise sammelte. Erst als ein junger Mann namens Alfred Russel Wallace auf die gleiche Idee kam, sah sich Darwin gedrängt, seine Überlegungen möglichst schnell in Druck zu geben. Das war im Jahr 1858. Darwin hatte begonnen, eine ausführliche, mit vielen Fußnoten versehene Abhandlung über natürliche Selektion zu verfassen; doch noch war sie erst zur Hälfte fertig.

Nun geriet er in Panik, ein anderer könne ihm zuvorkommen. Er legte das große Buch beiseite und schrieb hastig eine kürzere, leichter lesbare Version. Er betrachtete sie lediglich als "Zusammenfassung" seiner Theorie und der Befunde, mit denen er sie begründete - und er fand sie "abscheulich", weil er diese Fassung nach jahrzehntelangem Zögern und Grübeln so eilig und widerwillig schreiben musste. Das Buch sollte den Titel "An Abstract on the Origin of Species and Varieties Through natural Selection" ("Eine Zusammenfassung über die Entstehung der Arten und Varietäten durch natürliche Selektion") tragen, aber sein Verleger konnte ihn überzeugen, einen zumindest geringfügig griffigeren Titel zu wählen. Im November 1859 erschien On the Origin of Species by Means of Natural Selection ("Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl"). Die erste Auflage war sofort vergriffen.

Zu Darwins Lebzeiten erschienen noch fünf weitere Auflagen. Das Buch wurde nahezu unbestritten zur bedeutendsten wissenschaftlichen Publikation ihrer Zeit. Auch heute noch, nach 150 Jahren, wird es verehrt und verflucht - auch wenn nur wenige es gelesen haben und die vielen kleinen Indizien, die Darwin auf seine Theorie brachten, in Vergessenheit geraten sind. Bestandteil des Darwin-Mythos waren sie ohnehin nie. Dabei hatte Darwin selber auf den Ursprung seiner Ideen hingewiesen, und zwar an so prominenter Stelle, dass es vielleicht deshalb oft übersehen wurde. Die ersten beiden Sätze seines Buchs lauten: "Als ich an Bord des königlichen Schiffs 'Beagle' als Naturforscher Südamerika erreichte, war ich überrascht von der Wahrnehmung gewisser Thatsachen in der Vertheilung der Bewohner und in den geologischen Beziehungen zwischen der jetzigen und der früheren Bevölkerung dieses Welttheils. Diese Thatsachen schienen mir ... einiges Licht über die Entstehung der Arten zu verbreiten". Die berühmten Galápagos-Finken haben erst 400 Seiten später ihren Auftritt.

David Quammen ist freier Autor bei NATIONAL GEOGRAPHIC. Für das Dezember-Heft 2008 schrieb er über A. R. Wallace, den "Mann in Darwins Schatten".

"Von stets besonderer Emotionalität ist die Auseinandersetzung um die Evolution. Unsere spannende Titelgeschichte über Darwin wird wieder all jene auf den Plan rufen, die die Bibel als wörtlich zu nehmenden historischen Tatsachenbericht deuten", schreibt Klaus Liedtke, Chefredakteur von NATIONAL GEOGRAPHIC DEUTSCHLAND, in der Februar-Ausgabe 2009: "Denn es hat, so steht dort geschrieben, keine allmähliche Entwicklung von Arten gegeben, sondern einen einzigen Schöpfungsakt, der alles Lebende gleichsam als Fertigprodukt in die Welt brachte. Tausende Wissenschaftler auf allen Kontinenten belegen täglich das Gegenteil. Auch wenn sich zeigt, dass der größte Forscher der Neuzeit noch echte Wissenslücken hatte: Heute bestätigen Genetik, Neurobiologie und Paläontologie die Theorie Darwins." Sind Darwins Theorie und der biblische Schöpfungsakt unüberbrückbare Gegensätze? Was glauben Sie? Senden Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 2 / 2009, Seite(n) 28)


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