Im Hafen von Acapulco fällt das Forschungsschiff "Pacific Storm" zwischen den vielen weißen Luxusjachten sofort auf: ein schweres Gefährt mit schwarzem Rumpf, das in seinem früheren Leben ein Trawler an der Westküste Amerikas war. Das etwas düster wirkende, 26 Meter lange Schiff ist genau das Richtige für mich. Als Flip Nicklin und ich unsere Ausrüstung an Bord gehievt und in unseren Kabinen verstaut haben, spüre ich tiefe Zufriedenheit in mir aufsteigen. Immer wenn in meiner Seele der trübe November regiert; wenn ich zu viele Monate wie ein Höhlenmensch am Computer verbracht habe, um meinen Lebensunterhalt zusammenzutippen - immer dann wird es höchste Zeit, dass ich mich aufs Meer begebe. Den Auftrag, von der "Pacific Storm" zu berichten, habe ich begeistert angenommen. Die Reise soll am 3. Januar beginnen, deshalb habe ich zu Silvester auch drei gute Vorsätze gefasst: Ich will mir Mühe geben, ein sympathischer Schiffskamerad zu sein, ich werde sämtlichen Schwulst aus meiner Prosa streichen und ich werde darauf verzichten, auch nur ein einziges Mal auf Herman Melville anzuspielen.
Habe ich schon erwähnt, dass wir hinter einem weißen Wal her sind? Es stimmt wirklich. Zu der Blauwalpopulation im östlichen Nordpazifik - einer Gruppe, die den Sommer meist vor Kalifornien verbringt und deren Wanderung nach Süden wir verfolgen - gehört auch ein weißer Blauwal, vermutlich ein Albino. Wissenschaftler von der "Pacific Storm" haben ihn vor vier Monaten in kalifornischen Gewässern mit einem Satellitensender versehen. Aber das Signal mit der Nummer 4172 ist wenige Wochen später verstummt. Trotzdem hoffen wir, dass auch er zu den Tieren gehört, die wir vor der Küste Mittelamerikas zu sehen bekommen werden.
Nachdem wir uns auf dem Schiff eingerichtet haben, setzt sich Nicklin im Schneidersitz in seine Koje, baut seine Nikon D200 mit einem speziellen Unterwasserobjektiv zusammen und streicht Silikonfett auf die Ränder der Dichtungsringe. Er kommt mir vor wie die Inkarnation eines Walfängers - nur dass er es nicht auf den Tran der großen Meeressäuger abgesehen hat. Nicklen will ihr Wesen einfangen. Und die Kamera ist seine Harpune. Die "Pacific Storm" sticht in See. Wir fahren zunächst eine längere Etappe nach Süden, um den Tehuantepec-Winden an der mittelamerikanischen Küste zu entgehen. Dann nehmen wir Kurs auf unser Ziel: die Costa-Rica-Kuppe. Diese Auftriebsgegend verschiebt sich hin und wieder, ist aber etwa zwischen 500 und 800 Kilometer vor der Küste zu orten.
Weil hier Winde und Strömungen auf besondere Art zusammentreffen, steigt kaltes Wasser aus der Tiefe auf. So verschiebt sich die Thermokline, die Grenzschicht zwischen kaltem Tiefenwasser und wärmerem Oberflächenwasser, nach oben. Sie liegt hier stellenweise nur zehn Meter unter der Wasseroberfläche. Mit dem kalten, sauerstoffarmen Tiefenwasser steigen Nitrat, Phosphat, Silikat und andere Nährstoffe empor. Sie wirken wie Dünger für das Phytoplankton (winzige Pflanzen), die wiederum vom Zooplankton (Kleintieren) gefressen werden. Diese bilden ihrerseits die Nahrung für noch größere - und manchmal auch riesige Tiere.
DVD-Tipp: Wale - Sanfte Riesen in Gefahr
Lassen Sie sich in die faszinierende Welt der Wale - Sanfte Riesen in Gefahr entführen und erfahren Sie mehr über das Phänomen des "Massen-Strandes" der Wale. mehr...
Bildband-Tipp: Planet Meer
Staunen Sie mit dem NATIONAL GEOGRAPHIC-Buch Planet Meer über die Wunderwelt der schier unermesslichen Flora und Fauna unter Wasser, über die tropische Vielfalt der Ozeane oder die eisigen Tiefen der Polarmeere. mehr...