Die volle Wucht der Revolution in Bolivien wurde ausländischen Beobachtern an einem Tag vor drei Jahren deutlich, in Villa Tunari, einer schäbigen Kleinstadt in der Provinz Chapare. Sintflutartiger Regen hatte Bäche in tosende Ströme verwandelt, Brücken zerstört, Schlammlawinen ausgelöst und schon einige Menschen das Leben gekostet. Ein Bus voller Journalisten saß an jenem Tag etwa 16 Kilometer vom Ort entfernt fest. Ein Tunnel hinter ihnen war durch einen Felssturz versperrt, die nächste Brücke über den angeschwollenen Fluss Espíritu Santo ("Heiliger Geist") halb eingestürzt. Welcher vernünftige Mensch würde sich bei so einem Unwetter aufmachen, um einer Wahlkampfrede zuzuhören? Um Parolen zu brüllen? Die Antwort: Tausende.
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Die Funktionäre von Ayparavi sind echte Söhne des Altiplano. Hier feiern sie den Gründungstag ihrer Gemeinde; sie ist eine von dreien, in denen die letzten 2 500 Chipaya leben.
Der größte Teil jener Menschenmenge bestand aus den Nachfahren der bolivianischen Ureinwohner, der pueblos indigenas oder originarios. So lassen sich die ersten, ursprünglichen Bewohner Südamerikas am liebsten nennen. Viele hatten reißende Bäche durchwatet und waren kilometerweit gelaufen. Nun standen sie hier, am Stadtrand von Villa Tunari, unbeeindruckt vom prasselnden Regen, knöcheltief im klebrigen Schlamm, in dem Schuhe und Sandalen stecken blieben. Ein paar von uns Presseleuten hatten es auch auf die andere Seite des Flusses geschafft, mit einer halsbrecherischen Partie im Geländewagen über die Trümmer der Brücke hinweg. Bei unserer Ankunft hatten die Menschen schon seit Stunden im Regen ausgeharrt, dicht an dicht um ein klappriges Podium geschart, Schulter an Schulter, Bauch an Rücken, unter Plastikumhängen fröstelnd oder durchweicht bis auf die Haut. Aber niemand ging vor dem Ende der Kundgebung nach Hause. Die Männer und Frauen hatten sich schließlich zu einer historischen Mission versammelt: Nach Jahrhunderten der Erniedrigung standen sie allen Gesetzen der Wahrscheinlichkeit zum Trotz kurz davor, aus ihrer Mitte den nächsten Präsidenten Boliviens zu wählen. Ihr Kandidat hieß Evo Morales. Er wurde im Dezember 2005 gewählt und hält sich in einem der instabilsten lateinamerikanischen Staaten nach wie vor im Amt.
Bolivien ist in mehrfacher Hinsicht ein geteiltes Land: Es gibt das tropische Tiefland der Wohlhabenden und den verarmten Altiplano . Eine Autonomiebewegung im östlichen, mehrheitlich weißen Landesteil setzt die Regierung Morales unter Druck.
Doch wie unwahrscheinlich schien sein Aufstieg überhaupt an jenem Regentag in Villa Tunari, wenige Wochen vor der Wahl. Im Regierungssitz La Paz (Hauptstadt ist Sucre) hatte ich darüber vor der Kundgebung mit den hellhäutigen Geschäftsleuten gesprochen. Ein indianischer Präsident? Sie hatten diese Möglichkeit mit einer Mischung aus Verachtung und Ungläubigkeit ausgeschlossen: Er wird nicht gewählt werden. Und wenn doch, dann wird er sich nicht halten können. Doch das Establishment sollte sich im Willen des Volkes täuschen - genauso übrigens, wie drei Jahre später in den USA: Ein schwarzer Präsident? Unmöglich.
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Auf dem Golfplatz von La Paz pflegen Aymara-Frauen den Rand eines Grüns - für etwa 80 Euro im Monat. Clubmitglieder zahlen für das Privileg, in 3350 Meter Höhe auf einem der höchstgelegenen Plätze der Welt zu spielen, knapp 1000 Euro Aufnahmegebühr; Monatsbeiträge sind extra.
Die Männer auf dem Podium in Villa Tunari trugen Girlanden aus Blumen und Kokablättern, und sie redeten in Sprachen, die ich nicht verstand: Quechua und Aymara. Das sind die Sprachen des Inka-Reichs, die fast jedem hier noch immer geläufiger sind als Spanisch. Dann trat der Kandidat vor. Sein breites Gesicht mit der Habichtsnase spähte über die Girlanden aus Kokablättern und Früchten hinweg, die um seinen Hals hingen. Er begann seine Rede in einem stark vom Dialekt gefärbten Spanisch.
"Wir sind Aymara, Quechua, Guaraní - die legitimen Besitzer dieses prächtigen bolivianischen Landes!", rief Morales unter Jubel und Applaus, im Lärm von Rasseln und Pfeifen. Irgendwo schlug jemand eine tiefe Bombo-Trommel. Ein Präsident, dessen Muttersprache nicht Spanisch ist? Unmöglich. Die Männer und Frauen neben mir wandten sich ab, wenn ich versuchte, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Sie rochen nach nasser Wolle und Rauch. Die meisten Frauen trugen schmalkrempige Strohhüte über ihren langen schwarzen Zöpfen und bunte, nicht ganz bis zum Knie reichende Samtröcke im Quechua-Stil über mehreren kurzen Unterröcken.
Die Aymara-Frauen erkannte ich an ihren längeren Röcken, bestickten Schals und der Melone auf dem Kopf. Die Männer in ihren ausgebleichten Polyesterhemden und -hosen hatten sämtlich eine dick ausgebeulte Wange. Darin steckte der Batzen Kokablätter, auf dem die indigenen Bewohner der Andenregion ununterbrochen herumkauen. Die Inhaltsstoffe machen munter und dämpfen den Hunger.
Das Ziel der Amerikaner war und ist es, der Kokainproduktion den Boden zu entziehen. Morales unterstützt das, allerdings ohne den legalen Anbau des Kokastrauchs komplett unterbinden zu wollen. Kokatee, den mate de coca, gibt es in jedem Supermarkt zu kaufen. Hotels bieten ihn Touristen an, die unter der Höhe leiden. Noch ist offen, wie sich die Kokapolitik entwickeln wird, aber sicher ist, dass Morales seinen Aufstieg auch dem Kampf gemeinsam mit den Kokabauern - unbeugsam und meist unbewaffnet - gegen die Antidrogenpolizei verdankt. Hartnäckig standen sie zusammen, so wie vor drei Jahren bei jener Kundgebung im strömenden Regen.
Was vor ein paar Jahren noch unmöglich schien, ist heute Realität: In den USA gibt es einen schwarzen Präsidenten und in Bolivien einen, dessen Muttersprache nicht Spanisch ist. Mit diesen Personen verbindet sich eine große Hoffnung auf einen Umbruch und auf eine bessere Zukunft. Doch ist es überhaupt möglich, dass ein Regierungschef einen derartigen Wandel vollziehen kann? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.