Zwei Wochen vor seinem Tod schrieb Charles Darwin einen kurzen Artikel über eine winzige Muschel. Sie klebte am Bein eines Käfers aus einem Teich in den englischen Midlands. Es war Darwins letzte Veröffentlichung. Der Mann, der ihm den Käfer geschickt hatte, war ein junger Schuhmacher und Amateur-Naturforscher namens Walter Drawbridge Crick. Der Schumacher heiratete später und hatte einen Sohn namens Harry. Dessen Sohn wiederum hieß Francis. Und dieser Francis Crick machte 1953 zusammen mit dem jungen Amerikaner James Watson eine Entdeckung, die zur triumphalen Bestätigung nahezu aller Erkenntnisse führte, die Darwin über die Evolution gewonnen hatte. Ihre Beweismittel waren weder Fossilien noch lebende Tiere. Watson und Crick entdeckten das chemische Muster, dank dem jedes Lebewesen in seinen Zellen das Programm für seine Entwicklung in sich trägt. Den aus vier Buchstaben bestehenden Code der DNA.
Bild: Lynn Johnson Vergrößern
Diese Guppys leben in einem Aquarium.
"Alle organischen Wesen, die jemals auf dieser Erde gelebt haben, stammen von einer einzigen Urform ab", hatte Darwin geschrieben. Zu seiner Zeit war das noch kühne Spekulation. Wenn Darwins Erben heute die Mechanismen der Evolution verstehen wollen, müssen sie nicht mehr mutmaßen. Sie lesen im genetischen Text nach. Ein gutes Beispiel sind die berühmten Galápagos-Finken. Darwin konnte sehen, dass sie unterschiedliche Schnäbel haben. Irgendwann kam er auf die Idee, dass sie trotz aller Unterschiede verwandt sind. In seinem Reisebericht "Die Fahrt der 'Beagle'" schrieb er: "Wenn man diese ... strukturelle Vielfalt bei einer kleinen, eng verwandten Vogelgruppe sieht, möchte man wirklich glauben, dass von einer ursprünglich geringen Zahl an Vögeln auf diesem Archipel eine Art ausgewählt und für verschiedene Zwecke modifiziert wurde."
Auch das war damals nicht mehr als eine Vermutung. Heute hingegen können Wissenschaftler die genetischen Codes der Vögel analysieren - und bestätigen, dass die Galápagos-Finken tatsächlich von einem gemeinsamen Ahnen abstammen. Aus der DNA kann man nicht nur lesen, dass Evolution stattfindet, sondern auch, wie sie Lebewesen umgestaltet. Letzthin konnten Arhat Abzhanov von der Harvard-Universität und Cliff Tabin von der Harvard Medical School die Gene dingfest machen, die zumindest einen Teil der Schnabelform hervorbringen. Jedes Gen besteht aus einer Sequenz von DNA-Buchstaben, und wenn es in der Zelle aktiviert wird, produziert es ein bestimmtes Protein. Abzhanov und Tabin entdeckten: Wenn das Gen für ein Protein namens BMP4 im wachsenden Kieferknochen eines Finkenembryos aktiviert wird, macht es den Schnabel tiefer und breiter. Als Folge der Umweltbedingungen wird dieses Gen stärker angesteuert - beim Großen Grundfinken (Geospiza magnirostris) zum Beispiel, der mit seinem kräftigen Schnabel große Samenkörner knacken kann. Bei anderen Finken produziert ein Gen das Protein Calmodulin, das den Schnabel lang und dünn macht. Am aktivsten ist dieses Gen beim Großen Kaktusfinken (Geospiza conirostris), der mit seinem langen Schnabel in Kaktusfrüchten nach Samen stochert.
Darwins bedeutendste Idee war der Gedanke, dass die unterschiedlichen Merkmale verwandter Arten vor allem durch Anpassung und Auslese zustande kommen. Bei den Finkenschnäbeln können wir diesen Vorgang nun unmittelbar beobachten: Durch natürliche Selektion werden die Gene und ihre Expression so geformt, dass der Organismus sich an die Umstände anpasst. Darwin war der Meinung, dass sich die Evolution ungeheuer langsam abspielt und eigentlich nur an Fossilien zu beobachten ist. Sicher hätte es ihn gefreut zu sehen, dass Forscher heute ausgerechnet an seinen Finken die Evolution in Echtzeit beobachten können. Peter und Rosemary Grant, die an der Princeton-Universität arbeiten, begannen 1973, Finkenpopulationen auf der winzigen Galápagosinsel Daphne Major zu beobachten. Dort stellten sie bald fest, dass die Finken von Jahr zu Jahr evolutionäre Entwicklungen durchmachen - je nachdem, ob die Wetterlage feucht oder trocken war.
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