Das Ende des Überflusses

Artikel vom 01.07.2009  —  Autor: Joel K. Bourne, JR.  —  Bilder: John Stanmeyer

Es ist so alltäglich, dass wir gar nicht darüber nachdenken: Wir setzen uns an den Tisch, greifen zu Messer und Gabel und nehmen einen herzhaften Bissen. Das Rindfleisch ist aus Argentinien, die Trauben kommen vielleicht aus Chile, die Bananen aus Honduras, das Olivenöl aus Sizilien und der Apfelsaft nicht aus heimischen Obstgärten, sondern aus China. Unser globales Wirtschaftssystem erspart uns die Mühe, unser täglich Brot selber anzubauen, zu ernten und manchmal sogar zuzubereiten. Wir bezahlen nur noch.

Lebensmittel Fleisch

Bild: John Stanmeyer Vergrößern

Ob Fielt, Speck oder Leber - ein Metzger in Guangzhou hat Schweinefleisch jeder Art im Angebot. Noch vor wenigen Jahrzehnten war dies für die meisten Chinesen ein seltener Genuss. Jetzt kommt Schwein immer öfter auf den Teller.

Gedanken über unser Essen machen wir uns erst, wenn die Preise steigen. Diese Unachtsamkeit hat weltweit schwerwiegende Folgen.
Als 2008 die Lebensmittelpreise in die Höhe schossen, schreckte die Welt auf. Zwischen 2005 und Sommer 2008 verdreifachten sich die Preise für Weizen und Mais. Reis wurde um das Fünffache teurer. In zwei Dutzend Ländern kam es zu Aufständen der Hungernden.
Die Krise war nicht, wie früher, die Folge kurzfristiger Versorgungsengpässe. Die Preise stiegen in einem Jahr der Rekordernten. Der Anstieg war Symptom eines größeren Problems. Und das wird in absehbarer Zeit nicht verschwinden. Einfach ausgedrückt: In der vergangenen Dekade hat die Welt in einigen Jahren mehr gegessen als produziert. 2007 schrumpften die Lager­bestände aller Nahrungsmittel auf einen Vorrat, der den weltweiten Bedarf für 61 Tage gedeckt hätte. Das ist der zweitniedrigste jemals gemessene Wert. "Die landwirtschaftliche Produktion wächst jedes Jahr nur ein bis zwei Prozent", sagt Joachim von Braun. Der Deutsche ist Generaldirektor des International Food Policy Research Institute in Washington, D.C. "Dieses Wachstum reicht nicht, um den Bedarf einer zunehmenden Anzahl von Menschen zu decken." Hohe Preise sind das letzte Warnsignal dafür, dass die Nachfrage das Angebot übersteigt.

Lebensmittel Reisanbau

Bild: John Stanmeyer Vergrößern

Das Reisfeld ist abgeerntet, doch jetzt sucht diese Frau jedes übrig gebliebene Körnchen zur Versorgung ihrer Familie. In den vergangenen Jahren haben sie die Reispreise fast verdoppelt.

Es gibt nicht mehr genug Nahrungsmittel für alle. Das trifft die Milliarde der Allerärmsten der Welt am härtesten, denn sie geben normalerweise 50 bis 70 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus. Zwar sind die Preise aufgrund der kriselnden Weltwirtschaft mittlerweile wieder etwas gefallen, doch nicht viel. Und die eigentlichen Probleme bleiben bestehen: niedrige Lager­bestände, Bevölkerungswachstum und verlangsamte Ertragszuwächse. Jetzt kommt der Klimawandel hinzu, mit höheren Temperaturen und in vielen Teilen der Welt mit zunehmender Wasserknappheit. Ernten könnten künftig geringer ausfallen. Die Folge könnte eine dauerhafte Ernährungskrise sein. Was kann die heiße, überfüllte und hungrige Welt dagegen tun?
Das ist eine der Fragen, die von Braun in einer internationalen Forschungsgruppe (Consultative Group on International Agricultural Research) umtreibt. Dieser Zusammenschluss agrar­wissenschaft­licher Zentren hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dazu beigetragen, die weltweiten Durchschnittserträge von Mais, Reis und Weizen mehr als zu verdoppeln. Das Ergebnis wurde als Grüne Revolution bekannt. Doch die Weltbevölkerung wird bis Mitte dieses Jahrhunderts von heute 6,7 auf neun Milliarden Menschen anwachsen. Damit alle satt werden, sagen die Experten, müssen wir die Produktion von Nahrungsmitteln bis zum Jahr 2030 verdoppeln. Mit anderen Worten: Wir brauchen eine zweite Grüne Revolution. Und zwar schnell.

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(NG, Heft 7 / 2009)
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