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Wangenreiben an Felskanten, Kratzspuren, Urin, Kot - ein Schneeleopard markiert seinen Weg auf vielfältige Art.
Leise, ganz leise beschleicht der Schneeleopard seine Beute, auf breiten Pranken, mit Fell zwischen den Zehen. Er gleicht dabei schmelzendem Schnee, der von einem Felsen gleitet. "Wenn er an einen losen Stein stößt", berichtet uns Raghu, "dann streckt der Leopard eine Pranke aus, damit der Brocken nicht wegkullert und zu hören ist." Raghunandan Singh Chundawat hat vermutlich öfter als jeder andere Mensch diese Großkatzen beobachten können. Seit fünf Jahren erforscht der Biologe aus Neu-Delhi ihr Verhalten im Hemis-Nationalpark in Ladakh, dem größten und höchstgelegenen Distrikt Nordindiens. Wir kampieren heute auf fast 3500 Meter Höhe. Es ist Juni, und die Blauschafe - die trotz ihres Namens zu den wild lebenden Ziegen zählen - haben Junge. Mit einem Auge folgen wir einer Gruppe dieser Tiere auf einem Geröllfeld, mit dem anderen halten wir die darüberliegenden Klippen im Blick. Leoparden greifen gern von oben an. Das Durcheinander der Felsbrocken böte gute Deckung. Wahrscheinlich ist aber gar keiner da. Selbst Raghu hat in all den Jahren nur wenige Dutzend Schneeleoparden gesehen.
Die Raubkatzen stehen im Ruf, unauffindbar zu sein. Das Habitat von Uncia uncia, wie Biologen den Schneeleoparden nennen, ist mit zweieinhalb Millionen Quadratkilometern gut halb so groß wie die gesamte Fläche der Europäischen Union und erstreckt sich über zwölf Staaten. Die Tiere sind scheue, gut getarnte Einzelgänger. Sie jagen vorwiegend nachts sowie in der Morgen- und Abenddämmerung. Und das in der größten, unwegsamsten Gebirgsregion der Erde: im Himalaja und im Karakorum, auf der tibetischen Hochebene und im benachbarten Kunlun Shan, im Hindukusch, im Pamir und in Tian Shan, im Altai, dessen Gipfel die Grenze zwischen der Mongolei und China markieren, in Kasachstan und Russland sowie in der Sajankette am Baikalsee.
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Mit seinen breiten Pranken findet der Schneeleopard auch auf rutschigem Geröll guten Halt. Lange Haare mit dichtem Unterfell schützen ihn im Gebirgsklima bis in Höhen von 5 500 Metern.
Schneeleoparden bevorzugen hoch gelegenes, kaltes, steiles Gelände. Ihre Population war nie groß, und im vorigen Jahrhundert, als Tausende von ihnen der Pelzmode zum Opfer fielen, nahm sie drastisch ab. Offiziell sind die gefleckten Katzen zwar seit 1975 durch das Washingtoner Artenschutzabkommen geschützt. Trotzdem werden sie weiter gejagt. Auf dem Schwarzmarkt ist ihr Pelz ein Vermögen wert. Nach ungesicherten Schätzungen gibt es derzeit nur noch 4000 bis 7000 Tiere - knapp halb so viele wie vor 100 Jahren.
Es gibt aber auch eine erfreuliche Nachricht: In einigen Regionen haben sich Bürgerinitiativen gebildet, die den Schneeleoparden schützen wollen. Aber um Tiere schützen zu können, muss man über sie Bescheid wissen. Über die Schneeleoparden weiß niemand wirklich viel - doch wohl kaum jemand mehr als Raghu, der regionale Leiter der internationalen Organisation Snow Leopard Trust. Er hat jenen sechsten Sinn, der sich bei Wissenschaftlern durch jahrelange Freilandarbeit entwickelt. Raghu versteht es, kaum sichtbaren Tatzenabdrücken auf steinigem Untergrund zu folgen. Zum Glück hinterlassen die so schwer fassbaren Raubtiere aber auch leichter wahrzunehmende Spuren. Am besten stellt man sich das Gebirge als riesiges Katzenklo für die 35 bis 55 Kilo schweren Leoparden vor. Überall entlang ihrer üblichen Wege stößt man auf ihre Exkremente und Kratzspuren an den Bäumen.
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