Der Fluch der Mopsfledermaus

Artikel vom 01.04.2009  —  Autor: Jürgen Nakott

In Deutschland sind laut Roter Liste mehr als 1100 Tierarten vom Aussterben bedroht. In diesem Jahr wird die Liste erstmals seit 1998 aktualisiert. Vieles ist schlimmer geworden - aber es gibt auch gute Nachrichten. Manche Begriffe zehren an ihren Schöpfern wie Vampire. Bei Kurt Beck ist es der "Mopsfledermaus-Wahlkampf". Den wolle man auf keinen Fall. Damit hatte sich der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, SPD, vor der Bundestagswahl 2005 von den Grünen distanziert. Seitdem muss jeder Genosse damit rechnen, dass ihm, sobald er sich für den Naturschutz einsetzt, aus den Tiefen der Bierzelte ein herzhaftes "Mopsfledermaus!" entgegenschallt.

Dem Fledertier hat die Popularität nicht geschadet. Während der zeitweilige SPD-Vorsitzende sich längst wieder in sein Refugium zwischen Rhein und Mosel zurückgezogen hat, setzten Naturschützer durch, dass bei der Erweiterung des Flughafens Frankfurt-Hahn - um den es damals ging - ausreichend alter Baumbestand für die Mopsfledermaus gesichert werden muss. Sie ist eine von rund 1100 Tierarten in Deutschland, die in der Roten Liste als "vom Aussterben bedroht" geführt werden. Erstmals seit 1998 steht für dieses Jahr die Veröffentlichung des ersten von fünf aktualisierten Bänden zur Situation der Arten in Deutschland an. "Vom Aussterben bedroht" ist die zweithöchste Kategorie, hinter "ausgestorben oder verschollen". Darunter folgen verschiedene Abstufungen der Gefährdung. Auftraggeber und Koordinator ist das Bundesamt für Naturschutz (BfN) in Bonn. Das Ziel, alle zehn Jahre eine Inventur der Arten vorzulegen, habe sich nicht einhalten lassen, sagt BfN-Biologin Andrea Pauly. Die Roten Listen für den Naturschutz würden zwar als unersetzlich angesehen, die Mittel für ihre Erstellung seien aber knapp. Deutschland schmückte sich 2008 wohl mit der Ausrichtung einer internationalen Konferenz zum Erhalt der Artenvielfalt, doch im eigenen Land gehören Experten mit Spezialwissen über Tier- und Pflanzenarten selber zu den bedrohten Spezies.

Gefördert werden Genetik und Molekularbiologie, während die Abteilungen für Systematik austrocknen und Biologen, die eine Schwebfliege noch von einer Wespe unterscheiden können, sich als "Beinchenzähler" verspotten lassen müssen. Deshalb ist das BfN bei der Erstellung der Roten Liste neben gut 400 Fachleuten von Hochschulen und Naturschutzverbänden auf die Zuarbeit von Tausenden ehrenamtlicher Datensammler mit Spezialwissen über einzelne Tiergruppen angewiesen. Deren Ergebnisse zu bündeln und zu bewerten braucht Zeit. Die Bewertungen sind noch nicht abgeschlossen, doch ein Aufrücker in die Kategorie "vom Aussterben bedroht" könnte der Feldhamster sein. Der wird ebenfalls gern als "Bauverhinderungsart" ins Feld geführt, sagt Pauly, "doch in Wahrheit ist in Deutschland bisher nur einmal ein Bauprojekt an den Hamstern gescheitert: ein Golfplatz". Positives meldet die Abteilung für Amphibien: In der Gruppe der Frösche, Kröten und Salamander gilt in Deutschland künftig keine Art mehr als "vom Aussterben bedroht". Dafür gebe es zwei Gründe: bessere Daten und Fortschritte im Gewässerschutz. Davon profitiere auch der Fischotter, hauptsächlich im Osten Deutschlands, wo sich seine Bedrohungslage zuletzt "leicht entschärft hat", sagt Pauly. Und einen Rückkehrer dürfte die neue Rote Liste demnächst offiziell als wieder in Deutschland heimisch führen: den Wolf.


(NG, Heft 4 / 2009)


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