Antwort: Indonesiens erster Präsident Sukarno wollte religiöse Minderheiten nicht vor den Kopf stoßen.
Die Verbreitung des Islam in Indonesien lief schrittweise und friedlich ab. Für einen Prozess, der im Nahen und Mittleren Osten ein blutiges Jahrhundert lang dauerte, ließ sich Indonesien ein halbes Jahrtausend lang Zeit. Auf den weitverstreuten Inseln gab es Hunderte ethnischer Gruppen und Religionen. Der Islam trug dazu bei, sie zu einer einzigen Kultur zu vereinen.
Als im 17. Jahrhundert die Holländer mit ihrer Niederländischen Ostindienkompanie (VOC) die Kontrolle über den Gewürzhandel errangen, hatte sich die Lehre Mohammeds in fast allen indonesischen Küstenregionen festgesetzt. "Der Islam war in Indonesien deshalb so erfolgreich, weil er in der Lage war, bereits existierende Kulturen und Religionen in sich aufzunehmen", sagt Syafii Anwar, der Direktor des Internationalen Zentrums für Islam und Pluralismus in Jakarta. "Sogar in die Architektur der Moscheen wurde der einheimische Stil integriert."
Doch als durch die globalen Umwälzungen nach dem Zweiten Weltkrieg für die Indonesier der Weg in die Unabhängigkeit von der holländischen Herrschaft frei wurde, entschied sich Indonesiens erster Präsident Sukarno, keine offizielle Landesreligion einzuführen. Die Schaffung eines islamischen Staats würde, so glaubte er, die nicht muslimische Minderheit der Bevölkerung vor den Kopf stoßen. Seine balinesische Mutter war selbst hinduistischer Herkunft, sein Vater Moslem.
Indonesiens zweiter Präsident, Suharto, kam 1966 an die Macht: nach einer Phase antikommunistischer Gewalt, die eine halbe Million Menschen das Leben kostete. Eine Zeit lang gelang es ihm, die Feindseligkeiten niederzuhalten und das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Aber sein Regime war repressiv und militarisiert. Suhartos Rücktritt 1998 wurde von einer großteils muslimischen Pro-Demokratie-Bewegung ausgelöst, an der sich mehrere Millionen Menschen beteiligten – eine Entwicklung, die heute manche Historiker als Meilenstein für den zeitgenössischen Islam bezeichnen.
Aber das Ende des Suharto-Regimes verstärkte auch ein Schisma innerhalb der muslimischen Gemeinschaft: die Kluft zwischen denjenigen, die die in Indonesien traditionelle Vermischung des Islam mit lokalen Religionen befürworteten, und denen, die den Islam "reinigen" und ihm die regionale Färbung nehmen wollten. Dieser Kampf hält bis heute an. Angefacht wird er zum Teil durch Ideen und Praktiken, die im strikten Wahabismus Saudi-Arabiens ihren Ursprung haben. Wahabisten sind es, die überall in Indonesien islamische Universitäten und Internate finanzieren.
Trotzdem vermischt sich der Islam in weiten Landesteilen noch immer mit einer Vielzahl indigener Religionen und Traditionen. Ein Beispiel dafür, was vielleicht die Quintessenz des "Lächelnden Islam" ausmacht, findet man in Jakarta, Indonesiens riesiger chaotischer Hauptstadt, wo extravagante Einkaufszentren und Kinos mit Namen wie Hypermart und Blitzmegaplex gebaut werden und luxuriöse Hochhäuser an überfüllte Slums angrenzen. Hier liegt, an einer ungeteerten Nebenstraße, das staubige, unaufgeräumte Büro von Ki Demit. Ki ist der Ehrenname indonesischer Mys-tiker. Ki Demit, dessen Name Kleiner Geist bedeutet, ist 28 Jahre alt. Er hat ein Kindergesicht und ist der Sohn eines anderen Ki – Großer Geist – sowie der Enkel und Urenkel von Mystikern. "Ich habe Indonesiens magischsten Stammbaum", sagt er.
In den meisten Städten des Nahen und Mittleren Ostens würde eine solche Aussage als ketzerisch angesehen – alles Übernatürliche, das nicht Allah zugeschrieben wird, ist im Islam nämlich verboten. Aber in Ki Demits Wartezimmer steht auf einem schwarzen Batiktuch die Liste seiner magischen Dienstleistungen: santet (Verwünschung), pelet (Liebeszauber), kekebalan (Unverwundbarkeit), kejantanan (Stärkung der Manneskraft). Ki Demits Klienten hocken im Schneidersitz vor ihm auf dem Fußboden, über sich einen quietschenden Deckenventilator. "Ich kann Gedanken lesen, und ich kann in die Zukunft sehen", sagt er. "Aber ich will mich nicht mit Gott messen. Ich bin ein guter Muslim", beteuert Ki Demit. "Ich bete fünfmal am Tag. Ich halte den Ramadan heilig. Meine Vorfahren haben diese Rituale schon lange, bevor der Islam nach Indonesien kam, praktiziert. Mein Vater hat mich als Ki ausgebildet, und wenn ich einen Sohn habe, werde ich ihn ebenfalls ausbilden. Ich glaube fest an den Islam, aber ich halte an meinen Kräften fest. Damit darf man nicht spielen."
Welche Version des Islam die nachwachsenden Generationen bevorzugen – den toleranten "Lächelnden Islam" oder den strengen und manchmal gewalttätigen Islam, für den die Extremisten eintreten –, könnte ausschlaggebend für Indonesiens weiteren Weg sein und vielleicht ein Modell für die Zukunft des Islam in der Welt abgeben.
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