Wer den Berg Athos verlässt, der geht, wie man dort sagt, "hinaus in die Welt". Dabei ist die Halbinsel weiterhin ein Teil von ihr, und die rund 2000 Mönche teilen sie mit einer ähnlich großen Anzahl säkularer Arbeitskräfte. Der 2033 Meter hohe Berg Athos gehört seit dem Jahr 1924 zu Griechenland. Seine Verwaltung hat ihren Sitz in dem Ort Karyes. Dort kommen sowohl Warenlieferungen als auch die Pilger an, die den Berg besuchen dürfen. (Die Klostergemeinschaft empfängt nur etwa hundert Männer gleichzeitig für bis zu vier Tage.)
Karyes ist das Verbindungsglied zwischen dem heiligen Berg und der profanen Welt. Das führt zu skurrilen Kontrasten: Ein Mönch schlurft über das Pflaster, in einer Hand hält er seinen knorrigen Stock, in der anderen eine Markensporttasche. Die Läden verkaufen Kerzen und Rosenkränze, aber auch Ouzo-Flaschen. Es gibt eine Polizeistation, deren Beamte sich dann und wann um einen Fall öffentlicher Trunkenheit oder um einen Ladendiebstahl kümmern müssen. In Karyes tagt auch die Iera Kinotis, das älteste heute noch funktionierende Parlament der Welt. Seine Mitglieder befassen sich mit großen Fragen wie den Beziehungen zur Europäischen Union und mit kleinen wie der nach dem neuen Mieter eines Geschäfts.
Jede Veränderung bringt Risiken mit sich, die sorgfältig abgewogen werden. Der jüngste Eindringling ist das Internet. Die Klöster nutzen es nur sehr vorsichtig, bestellen im Netz Forschungsaufsätze oder Ersatzteile, kommunizieren mit Anwälten. "Es birgt Gefahren, mit der Außenwelt verbunden zu sein", warnt ein Geistlicher. "Viele Mönche wissen nicht einmal um die Anschläge vom 11. September 2001." Doch die Welt rückt immer näher an sie heran. Die Brüder, die zuletzt auf dem Berg Athos angekommen sind, verfügen oft über Hochschulbildung und Laptops – aber über wenig Erfahrung mit Geflügelhaltung. Die Maulesel früherer Zeiten wurden durch Lieferwagen oder Geländefahrzeuge ersetzt. Einige Mönche befürchten zudem, dass die Zuschüsse der Europäischen Union an Bedingungen geknüpft sein werden. Etwa an die, dass die Klosterrepublik auch Frauen den Besuch auf der Halbinsel gestatten soll – irdische Begehrlichkeiten, mit denen sie immer wieder konfrontiert ist.
Die Bruderschaft aber beschreitet ihren Weg wie seit alters: Schritt für Schritt, den Blick stets nach innen gerichtet, das Unsichtbare verehrend und "den Tod verzehrend", wie es Pater Vasileios, einer der führenden Gelehrten, beschreibt. "Bevor er uns verzehrt."
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