Lange bevor die Fischerei auf der Halbinsel Kamtschatka für die russischen Zuwanderer und ihre Nachkommen zur wirtschaftlichen Säule wurde, hatten die Itelmen und andere indigene Völker dort kulturelle und religiöse Praktiken rings um den Lachs entwickelt. Vor allem die Itelmen siedelten sich an den Flussufern an, wo sie den Lachs mit Hilfe von Fallen und Wehren fingen. Sie trockneten das rosa Fleisch, räucherten es und fermentierten die Fischköpfe in Fässern.
Die Itelmen verehrten sogar einen Gott, Khantai, der in Kultfiguren halb als Fisch, halb als Mensch dargestellt wurde. Im Herbst errichteten sie eine große, hölzerne Khantai-Figur und brachten Opfergaben dar. Dann feierten sie ein Fest zum Dank für die Fische, die gekommen waren, und sie beteten darum, dass weitere kommen mögen. In Kovran an der Westküste, dem heutigen Zentrum der Itelmen-Kultur, haben die Einwohner das alte Fest in neuer Form wieder aufleben lassen.
Aber seit dem Beginn der Sowjetzeit gibt es Veränderungen, die die Traditionen der Itelmen bedrohen. Irena Kwasowa, eine Itelmen-Aktivistin, mit der ich mich in Petropawlowsk treffe, erzählt mir, dass gemäß den damaligen politischen Vorgaben viele Landsleute, auch ihre Mutter, aus den Dörfern in größere Ortszentren wie Kovran umgesiedelt wurden. Dort fanden sie Arbeit in Sowchosen oder Fischereikollektiven – eine enorme Umstellung für Menschen, die daran gewöhnt waren, unabhängig zu sein und sich von dem zu ernähren, was die Natur ihnen bietet.
Während der hitzigsten Jahrzehnte des Stalinismus glaubte die Sowjetführung an die Notwendigkeit, "Staatsfeinde" aufspüren zu müssen. Menschen verleumdeten ihre Nachbarn, manchmal nur, um eine offene Rechnung zu begleichen. Eines der Opfer war Kwasowas Urgroßvater, ein Jäger, Fischer und Vorsitzender des Kollektivrats der Itelmen. Er wurde von einem anonymen Briefschreiber denunziert, daraufhin verhaftet und schließlich in ein Straflager hinter Magadan deportiert: in die Region des Flusses Kolyma, einen der trostlosesten Orte im Archipel Gulag. Dort starb er.
In den siebziger Jahren, als das Sowjetregime etwas von seinem Schrecken verlor, dafür aber umso zäher bürokratisch verkrustete, kamen Zuwanderer aus dem Süden in den Genuss von Arbeitsplätzen und Vergünstigungen, während die Itelmen in ihren eigenen Dörfern an den Rand gedrängt wurden. Michail Gorbatschows Politik der Perestroika, der Zusammenbruch des Sowjetstaats sowie der darauffolgende Privatisierungsrausch läuteten die endgültige Enteignung der indigenen Bevölkerung ein. Mit dem Raub von Land, Wasser und Ressourcen verloren die Itelmen ihre jahrtausendealten Lebensgrundlagen.
Heute müssen Kamtschatkas Ureinwohner mit russischen Fischereigesellschaften um die Lachsquoten konkurrieren. Es gibt nur noch etwa 3500 Itelmen; sie stellen ein Prozent der Gesamtbevölkerung. Wer die Macht hat, sitzt in Petropawlowsk, nicht in Kovran – und wer die Macht hat, bestimmt über die Fangquoten. Die Behörden, die diese Lizenzen vergeben, seien, wie mir ein Anführer der Itelmen, Oleg Zaporotsky, erzählt, großzügig gegenüber Firmen im Besitz von Zuwanderern, während sie die Einheimischen mit minimalen Quoten abspeisten, die nicht einmal für den Eigenbedarf reichten.
Einige wenige Itelmen finden zwar bei den Firmen Arbeit, aber im Allgemeinen nicht in den besser bezahlten Jobs. Dabei gehe es außerdem auch längst nicht mehr allein um das Fischen für die Selbstversorgung, wie mir Zaporotsky erklärt.
Die Itelmen würden gern eigene Fischerei- und Fischverarbeitungskooperativen gründen, um ihren Dörfern Einnahmen zu sichern, mit denen sie Schulen und andere Institutionen finanzieren könnten, und um gut bezahlte Arbeitsplätze zu schaffen, die die Abwanderung stoppen.
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