Wie so viele seiner Vorfahren, der Inka, ist auch Juan Apaza vom Gold besessen. 5100 Meter hoch in den Anden steigt der 44-jährige Minenarbeiter in einen eisigen Stollen und stopft sich eine Handvoll Kokablätter in den Mund. So wappnet er sich gegen Hunger und Müdigkeit. In den Tiefen dieser Mine unterhalb eines Gletschers bei La Rinconada schuftet Apaza 30 Tage im Monat. Ohne Lohn. Unter Gefahren, denen viele seiner Kameraden schon zum Opfer gefallen sind: Explosionen, Gase, Stolleneinstürze. Alles für das Gold, nach dem die Welt giert. Der Lohn kommt erst am 31. Tag. Dann erlaubt man ihm und den anderen eine einzige vierstündige Schicht oder etwas mehr, in der sie so viele Steine hinausschleppen dürfen, wie sie tragen können. Nach der uralten Lotterie der Hochanden, dem cachorreo, entspricht das einem Gehalt: ein Sack Steine, der möglicherweise ein kleines Vermögen an Gold enthält. Oder ganz wenig, wie meist.
Bild: Randy Olson Vergrößern
Im Tresorraum der amerikanischen Zentralbank in New York schichten Angestellte die Goldbarren um. Ein einziger dieser 12,5 Kilo schweren Blöcke ist mehr als eine Viertelmillion Euro wert.
Ein Dorado ist diese Bergwelt nicht gerade. Dennoch locken die unter dem Gletscher versteckten glitzernden Schichten seit mehr als 500 Jahren Menschen hierher. Zuerst die Inka, für die das leuchtende Metall der "Schweiß der Sonne“ war. Dann die Spanier, deren Gier die Eroberung der Neuen Welt vorantrieb. Doch erst seit kurzem, seit Gold immer mehr an Wert gewinnt (235 Prozent in den vergangenen acht Jahren), boomt La Riconada, einst ein einsames Goldgräbercamp. 30 000 Menschen leben inzwischen in dieser schäbigen Hüttensiedlung. Glück und Elend liegen dicht beieinander. Es wimmelt von Gaunern und von Träumern auf der Suche nach Reichtum. Dass sie dabei die Umwelt zerstören - und sich selber - scheint keine Rolle zu spielen.
Kein Element hat die menschliche Phantasie mehr beflügelt, keines hat sie mehr gequält als das Edelmetall mit dem chemischen Symbol "Au". Über Jahrtausende hat die Gier nach ihm die Menschen zu Extremen getrieben. Für unsere Existenz ist Gold im Grunde unbedeutend und hat überhaupt nur wenig praktischen Nutzen. Doch seine Eigenschaften - die ungewöhnliche Dichte und Formbarkeit, der unvergängliche Glanz - haben es zu einem der meistbegehrten Güter gemacht: zu einem geradezu übernatürlichen Symbol für Schönheit, Reichtum und Unsterblichkeit.
Bei den Pharaonen , die mit dem "Fleisch der Götter" bestattet werden wollten. Bei den kalifornischen Abenteurern, deren "Goldrausch" 1849 zur Besiedlung des amerikanischen Westens führte. Bei den Finanzleuten, die es zu einem Fundament der Weltwirtschaft machten. Fast jede Gesellschaft hat diesem Metall eine mythologische Bedeutung beigemessen.
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