Der Sinai - zwischen Terror und Tourismus

Autor: Matthew Teague  —  Bilder: Matt Moyerv
Touristen nahe Scharm El-Scheich

Bild: Matt Moyerv Vergrößern

Nahe Scharm El-Scheich erholen sich Strandbesucher aus ganz unterschiedlichen Welten. 1982 übernahm Ägypten wieder die Kontrolle über die Region. Seither wird die Küste zunehmend bebaut. Als Schutz für die Gäste unterhält das Land das größte Touristenpolizeikontingent der Welt.

Alles wirkt ruhig in Taba an jenem Oktoberabend des Jahres 2004. Wie immer bei Einbruch der Dämmerung in dem Küstenstädtchen geht die Sonne im Westen hinter dem Sinai-Gebirge unter. Im Hilton Taba Resort schlüpfen die Gäste aus den Badesachen in ihre Abendkleider und Sportsakkos. Der Wüstenwind weht jetzt abends schon kühl; daher lässt die Hotelleitung über Nacht das Wasser aus dem Pool ab. Die Strandanlage am Roten Meer wirkt in diesen Jahren wie eine Miniaturausgabe des Sinai-Traums - des Traums von einem Nahen Osten, in die Feinde von einst Land gegen Frieden und Terrorismus gegen Tourismus eintauschen. Die Briten führen das Hotel, die Ägypter stellen das Personal, Europäer, Russen und auch viele Israelis machen hier Urlaub. Vor dem Hotel wehen einträchtig die ägyptische und die israelische Flagge. Sicher, erst einen Monat zuvor hatte die Regierung in Jerusalem vor einem drohenden Terroranschlag gewarnt.

Doch solche Hinweise kommen und gehen. Taba lässt vergessen, dass die beiden alten Feinde sich die Herrschaft über die Halbinsel in den vergangenen 50 Jahren immer wieder streitig gemacht haben. In den Kriegen der Jahre 1956, 1967 und 1973 waren Israel und Ägypten über die Halbinsel gestürmt. 1979 unterzeichneten die beiden Länder einen Friedensvertrag, und Israel gab das Gebiet an Ägypten zurück. Das Abkommen hat nach 30 Jahren noch heute Bestand.

Der Sinai ist seit je ein Ort der Gegensätze - ein rauer Landstrich von ätherischer Schönheit, eine Region des Kampfes wie der Harmonie. Und das geringste Interesse an der nationalen Identität dieser Halbinsel zeigt ausgerechnet ihre größte Bevölkerungs­gruppe: die Beduinen . Während der hin- und herwogenden Kämpfe in den vergangenen Jahrzehnten sind die Wüstenstämme regelrecht mit der Landschaft verschmolzen. Sie wurden zu einem Teil von ihr, wie Dünen, über die Scharen von Eroberern einfach hinweggetrampelt sind.

Sinai Tanz

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Unter dem Wüstenhimmel posieren dieses russischen und italienischen Mitarbeiter des Hotels Domina Coral Bay für Fotos mit den Gästen: als Angehörige der alten ägyptischen Königsfamilie. Die Strandanlagen bei Scharm el-Scheich bieten den Touristen allabendlich Unterhaltung.

Im Laufe des Abends schlendern die Gäste aus den Restaurants ins Spielkasino, in die Bar oder in die Diskothek. Zufällig begehen beide Nachbarstaaten an diesem Wochenende einen jeweils landestypischen Feiertag - und der Anlass ist jeweils der Sinai: Die Ägypter würdigen den Vorstoß ihrer Armee auf die Halbinsel während des Jom-Kippur-Kriegs 1973, und die Israelis gedenken der biblischen Wanderung ihrer Vorfahren durch die Wüste. Hier, am Golf von Akaba, treffen die Länder aufeinander. Der Volksmund bezeichnet diese Küste seit einigen Jahren als Riviera des Roten Meeres. Ausgelassen und zuweilen dekadent geht es hier zu. Deshalb unterscheidet sich diese Gegend so sehr vom übrigen Ägypten.

Die israelische Grenze ist nur wenige Meter von Taba entfernt. In Elat auf der anderen Seite kommt soeben Shachar Zaid aus dem Kino. Er ist ein Feuerwehrmann und hat sich mit seiner Frau einen amerikanischen Film über Brandschützer angesehen. Da erschüttert plötzlich ein dumpfer Knall die Stadt. Sofort rennen die beiden in die Richtung, aus der die Explosion zu hören war - auf die Grenze zu. Auf dem Weg dorthin trifft Zaid seinen Brandmeister. Dieser hat ebenfalls dienstfrei und zieht sich gerade im Auto seine Uniform an. Schon preschen die drei Löschzüge der Stadt heran. Zaid klettert mit seinem Vorgesetzten auf einen der Wagen. Was sie hinter der Grenze erwartet, wissen sie nicht genau. Den Übergang versperren ägyptische Soldaten mit automatischen Gewehren. Auch sie haben keine Ahnung, was da vor sich geht.

Said beten

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Auf dem Berg Sinai bei Tagesanbruch: Die Kamele ruhen noch, und Said Spayel betet. Für Beduinen wie ihn ist der Tourismus ein Segen. Ein Kamelritt zum Gipfel bringt ihm umgerechnet zwölf Euro pro Person. Es ist eine der wenigen Möglichkeiten, hier Geld zu verdienen.

Über eine unsichtbare Linie hinweg starren Ägypter und Israelis einander an.

Unversehens finden sie sich in ihrem alten zwischenstaatlichen Dilemma wieder. Wie sie in dieser Nacht darauf reagieren werden, steht symbolisch für den gesamten Sinai-Konflikt - für seine Vergangenheit und auch seine Zukunft. Die Ägypter müssen entscheiden, ob sie ihre Souveränität gegen den alten Feind verteidigen sollen. Auch die israelischen Feuerwehrleute sehen sich gezwungen, eine Wahl zu treffen: ob sie mit acht Mann auf arabischem Boden einfallen wollen.

"Der Sinai ist seit je ein Ort der Gegensätze", schreibt unser Autor. Für Touristen ist die Gegend mit seinen Stränden mittlerweile ein regelrechter Magnet. Doch die Unruhen zwischen Ägyptern und Israelis reißen nicht ab. Besteht für beide Nationen die Möglichkeit auf ein Leben miteinander in Frieden? Wie sieht das zukünftige Leben rund um den Sinai aus? Schreiben Sie uns Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de und vergessen Sie bitte nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


(NG, Heft 6 / 2009)
Extras

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