Die Botschaft der Bäume

Autor: J. Michael Fay
Frage der Woche
Die höchsten Mammutbäume sind so groß wie...?
1)
2)
3)

Antwort:
Mammutbäume können über 100 Meter hoch werden.  

Am 323. Tag meiner Wanderung klettere ich über einen Stamm, der im Liegen zwei Stockwerke hoch vor mir aufragt. Fünfeinhalb Meter im Durchmesser! Dahinter steige ich hinab in ein Labyrinth riesiger Mikadostäbe – Bruchholz, das sich hier im Jedediah Smith Redwoods State Park im Laufe von Jahrtausenden zwischen den lebenden Bäumen angehäuft hat. Vor mir liegt schon der nächste gefallene Riese. An Strauchwurzeln und Schwertfarnbüscheln ziehe ich mich samt meinem 27-Kilo-Rucksack die bewachsene Wand hoch und stehe schließlich auf einem Stamm, so lang wie ein Fußballfeld. Ich bin verschmutzt und erschöpft. Und überwältigt vom Anblick Hunderter himmelwärts ragender Mammutbäume um mich herum. Ihre Wipfel lassen den eingefangenen Nebel auf mich herabtropfen. So, stelle ich mir vor, könnte es zur Zeit der Dinosaurier auf der Welt ausgesehen haben.

Seit 40 Jahren wandere ich durch die Wälder der Erde. Doch eine Szenerie wie diese habe ich noch nie erlebt. Während mein Blick die ehrfurchtgebietenden Stämme emporwandert, fällt mir ein, was mir kürzlich ein Holzfäller erzählt hat: Dass auf den Kahlschlagflächen seines Forstbetriebs schmale Bestände junger Bäume zwischen Streifen mit älteren Mammutbäumen angeblich die gleiche ökologische Funktion erfüllen wie ein alter Wald. Doch davon kann mich nichts überzeugen. Nur um das klarzustellen: Es geht hier nicht um eine Schwärmerei für große Bäume. Ich durchwandere das Verbreitungsgebiet der Mammutbäume 333 Tage lang, auf einer Strecke von insgesamt 2900 Kilometern. Dabei notiere ich, welche Auswirkungen es hat, wenn man 95 Prozent des holzreichsten Waldes der Erde fällt.

Die meisten Menschen, die ich im Land der Mammutbäume kennenlerne, beschreiben die herkömmliche Art des Holzeinschlags mit Worten wie "plattmachen" oder "umhauen". So sieht es auch aus. An allzu vielen Tagen quäle ich mich über riesige Baumstümpfe, durch struppige Bestände aus Jungwald, über kahle Hügel und durch Flüsse, in denen Schwemmsand die Fischbestände vernichtet hat. Zeugnisse von Gier und Verschwendung. Nun muss Schluss sein mit den akademischen Debatten darüber, ob es wohl klug ist, die Ressourcen unseres Planeten zu vernichten.
Zum Glück wächst die Zahl derer, die meine Meinung teilen. Auf meiner Exkursion begegne ich Förstern, Waldbesitzern und Holzfällern, die es anders machen. Sie geben dem Ökosystem seine Vitalität zurück – ohne auf Gewinn zu verzichten. Ihre Art, die Wälder zu bewirtschaften, könnte Vorbild sein für das gesamte Verbreitungsgebiet der Mammutbäume. Ja, für alle Wälder auf der Erde.

Um es kurz zu machen: Ihre neue Methode ist sehr alt. Statt ganze Flächen komplett abzuholzen, werden nur einzelne Bäume gefällt. Alle zehn bis 15 Jahre entnehmen die Förster ungefähr ein Drittel eines Bestands, bevorzugt die am wenigsten robusten Exemplare. Es entstehen offene Flächen, auf denen die verbliebenen Redwoods mehr Licht bekommen. Das fördert ihr Wachstum. Menge und Qualität des stehenden Holzes nehmen von Jahr zu Jahr zu, und da sich der Wald schrittweise verjüngt, kann sich dieser Prozess jahrhundertelang fortsetzen. Das hat einen doppelten Vorteil: Es bringt kurzfristige Einnahmen und eine langfristige Rendite.

  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Kommentare (0)