Bauern in Indien reden viel vom Wetter. Vor allem, wenn es sich nicht ändern will. Im Mai, wenn sich das Land aufheizt wie ein Backofen und die meisten Felder abgeerntet sind, wenn die Brunnen austrocknen und die Sonne wie zum Hohn von einem wolkenlosen Himmel herabbrennt, wird über kein Thema so heftig debattiert wie über den bevorstehenden Regen. In der Regel beginnt die Zeit des Monsuns in den ersten Junitagen. Innerhalb von knapp vier Monaten bringt er drei Viertel des jährlichen Niederschlags. Eine Bauernweisheit lautet: Kommt der Regen wie ein Reh so sanft, wird er später zum Elefant. Oder umgekehrt: Trampelt er wie ein Elefant heran, wandelt er sich in ein Reh sodann. Oder: Ist er aufgescheucht wie ein Huhn, will der Ärger mit ihm nicht ruhn. Mit anderen Worten: Niemand kann es wirklich wissen. Aber jeder hat etwas dazu zu sagen.
Wie die Bewohner des Orts Satichiwadi. An einem Tag des Jahres 2008 stieg eine Bauernfamilie zum Tempel der Dorfgöttin hinauf. Sie wollten sie um Regen bitten. Es war Mitte Mai, und das Thermometer zeigte 41 Grad. In Satichiwadi leben 83 Familien. Das Dorf liegt in einem ausgedorrten Tal des Bundesstaats Maharashtra etwa 160 Kilometer nördlich von Mumbai. Schon seit sieben Monaten hatte es dort so gut wie gar nicht geregnet. Wie immer in dieser Jahreszeit waren die Menschen in Indien dazu gezwungen zu warten. In Neu-Delhi wurde wegen der Hitze immer wieder der Strom abgeschaltet. Im Norden tobten Staubstürme über das Land, ohne dass sie von Feuchtigkeit gelindert wurden. Auf den Straßen sah man viele Tankwagen, die auf Kosten des Staats Trinkwasser in all jene Dörfer brachten, deren Brunnen versiegt waren. Indes verfolgten die Moderatoren im Radio einen regenschwangeren Wolkenwirbel, der über die Inselgruppe der Andamanen vor der Südostküste zog.
Im ganzen Land begann nun für die Bauern der Wettlauf mit der Regenzeit. In den Wochen vor dem Monsun investieren viele eine erhebliche Summe – ein Teil von ihnen verschuldet sich dafür sogar –, um Dünger zu kaufen und Hirsesaatgut, das ausgebracht werden muss, bevor der Regen einsetzt. Doch oft geht das Kalkül der Landwirte nicht auf. Kommt der Monsun zu spät, verdorrt die Saat und stirbt. Wird der Regen zu stark, spült er die Samen fort. "Von nichts hängt unser Leben so sehr ab wie vom Regen", sagt die Bäuerin Anusayabai Pawar. "Wenn er kommt, haben wir alles. Wenn nicht, haben wir nichts."
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