Die Hadza

Autor: Michael Finkel  —  Bilder: Martin Schoeller

"Ich habe Hunger", sagt Onwas. Er hockt am Feuer, der Rauch lässt ihn blinzeln. Die Männer neben ihm murmeln zustimmend. Es ist Nacht, tief im afrikanischen Busch. Vom Lager der Frauen schwebt rhythmischer Gesang herüber. Onwas berichtet von einem Baum, den er heute gesehen hat. Die Männer am Feuer rücken enger zusammen. Es sei ein Baum auf der Kuppe eines steilen Hügels, schwierig zu erreichen, aber voller Paviane. Erneutes Gemurmel. Funken steigen zum Sternenhimmel empor. Dann ist es beschlossen: Alle stehen auf und ergreifen ihren Jagdbogen.

Onwas ist ein alter Mann, vielleicht über 60. Jahre als Zeiteinheit verwendet er selber nicht. Er ist schlank und gut in Form, etwa 1,50 Meter groß. Seine Arme und seine Brust sind vom Leben im Busch gezeichnet: mit Narben von der Jagd, von Schlangenbissen, von Pfeilen und Messern, von Skorpionstichen und Dornen. Mit Narben vom Sturz aus einem Affenbrotbaum und vom Angriff eines Leoparden. Er hat nur noch die Hälfte seiner Zähne. Er trägt zerschlissene braune Shorts und Sandalen aus Autoreifen. An seiner Hüfte ein Jagdmesser in einer Scheide aus dem Fell eines Dikdik, einer Zwergantilope. Sein Hemd hat er ausgezogen, wie die meisten Männer. Das macht ihn in der Nacht beinahe unsichtbar.

Onwas spricht mich kurz in seiner Muttersprache an, auf Hadza. Ein, zwei Sätze eines sanften Singsangs werden abgelöst von abgehackten Schnalz- und Schmatzlauten. Die Sprache ist mit keiner anderen eng verwandt, auch wenn westliche Forscher sie im weiteren Sinne der Gruppe der Khoisan zuordnen, der Klicksprachen der Buschleute. Ich habe eine Dolmetscherin an meiner Seite. Sie heißt Mariamu und ist eine Nichte von Onwas. Sie hat elf Jahre die Schule besucht und gehört zu jener Handvoll Menschen, die Englisch und Hadza sprechen. Sie übersetzt Onwas’ Worte: "Möchtest du mitkommen?"

Allein, dass ich es geschafft habe, hierherzukommen, in ein traditionelles Hadza-Lager, ist schon etwas Besonderes. Jahre sind nämlich nicht die einzige Zeiteinheit, die den Hadza wenig bedeutet. Auch Monate, Wochen, Tage oder Stunden sind ihnen nicht wichtig. Die Sprache der Hadza hat auch keine Wörter für Zahlen jenseits von drei oder vier. Eine Verabredung zu treffen kann deshalb schwierig sein. Ich hatte den Betreiber eines Touristencamps am Rande des Hadza-Territoriums gefragt, ob er einen Aufenthalt bei einer abgeschieden lebenden Gruppe für mich arrangieren könne. Der Mann traf Onwas im Busch und fragte ihn – auf Suaheli –, ob ich zu Besuch kommen dürfe. Onwas hatte nichts dagegen. Er sagte, ich würde der erste Ausländer sein, der je in seinem Lager gewohnt habe. Sein Sohn werde mich in drei Wochen abholen, an einem bestimmten Baum am Rand des Busches.

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