Die feine Gesellschaft langweilte sich. Dabei hatte sich Lord Byron wirklich Mühe gegeben. Bereits zum wiederholten Mal waren Nachbarn und Freunde in die Sommervilla des noblen Poeten am Genfer See eingeladen. Aber was hieß in diesem Jahr - man schrieb 1816 - schon Sommer? Dichte Wolken hingen wochenlang über großen Teilen Europas, es regnete unaufhörlich. Wer es sich leisten konnte, ließ das Feuer im Kamin nicht ausgehen. Die Stimmung war grau wie der Nebel über dem See. Da hatte Byron eine Idee: „Jeder von uns sollte eine Geistergeschichte schreiben“, erinnerte sich später Mary Shelley, die Frau des englischen Dichters Percy B. Shelley. Man stimmte zu. Mary Shelley mühte sich, in ihr Stück die ganze Düsternis, die Trübsal und den Horror jener Tage einzuarbeiten. So entstand die Erzählung "Frankenstein“ - als Folge schlechten Wetters nach einem Vulkanausbruch. Ein Jahr zuvor hatte auf der anderen Seite der Welt, auf der Insel Sumbawa in Indonesien, der Tambora Feuer und Rauch gespien. Sehr viel Rauch. Heutige Forscher nehmen an, dass die enorme Wucht der Eruption die Aschesäule 25 Kilometer hoch in die Atmosphäre jagte. Der Tambora explodierte; danach war der 4300 Meter hohe Berg nur mehr 2850 Meter hoch. Noch 1300 Kilometer entfernt regnete es Asche.
In unmittelbarer Nähe kamen durch Feuer, Steinschlag, Druck- und Flutwellen rund 10000 Menschen um. Weltweit aber könnten es in den Jahren danach mehrere 100000 gewesen sein, die an den Auswirkungen starben. Denn Vulkanausbrüche dieser Dimensionen verändern das Klima auf der Erde. Oft katastrophal. In seinem Buch "Das Jahr ohne Sommer“ nennt der Vulkanologe Jelle Zeilinga de Boer viele Beispiele. Der Tambora steht darin für einen Superlativ - als der heftigste Vulkanausbruch seit der letzten Eiszeit.
Ursache des Nichtsommers, der dem Dichterclub am Genfer See die Stimmung verdarb, waren Milliarden Tonnen schwefelhaltiger Gase, die vom Wind rund um den Globus verteilt wurden. Schwefeldioxid verbindet sich mit der Luftfeuchtigkeit zu Schwefelsäuretröpfchen. Die bilden in der oberen Atmosphäre einen Dunstschleier, der Sonnenlicht ins All reflektiert. Ein Teil der Aerosole sinkt aber auch tiefer: Sie wirken als Kondensationskerne für Wolken, die noch mehr Licht abschirmen und die Temperaturen fallen lassen. Das Weltklima gerät aus dem Gleichgewicht.
In Indien fiel 1816 der Sommermonsun aus. Als die Landwirtschaft den Regen gebraucht hätte, blieb es trocken. Dafür brachte der September sintflutartige Niederschläge und Überschwemmungen im Gebiet des heutigen Bangladesch. In der ganzen Region sanken die Ernteerträge, es kam zu einer Hungersnot. Am Ganges brach die Cholera aus, vermutlich weil die Menschen geschwächt waren. In Europa folgten zwei extrem harte Jahre. Die Sommer waren kalt und feucht. In Ungarn verzeichneten die Wetterprotokolle Schnee, der von Vulkanstaub braun gefärbt war, selbst an der Südspitze Italiens schneite es gelbe Flocken. Am meisten litten Süddeutschland, Österreich und die Schweiz. Der Winter dauerte zweimal in Folge vom frühen Herbst bis in den nächsten Frühsommer. Die Ernten fielen karg aus, selbst das Saatgetreide wurde knapp. Weil es so viel regnete, versanken Pferdefuhrwerke im Schlamm. Die Preise für Lebensmittel verdreifachten sich. In Irland brach nach schweren Missernten das Fleckfieber aus, auch Hungertyphus genannt. Zehntausende starben. Im Nordosten der USA und in Kanada kam es im Hochsommer zu Frosteinbrüchen, die Ernten von Weizen sowie Heu und Mais - wichtig als Viehfutter - wurden vernichtet.
Zwar fiel die Temperatur in nördlichen Breiten besonders stark: De Boer schreibt von Werten, die um zehn Grad niedriger lagen als im langjährigen Durchschnitt. Aber der Auswurf des Tambora kühlte die ganze Welt. Erst kürzlich, im Januar 2009, veröffentlichte die Klimaforscherin Rosanne D’Arrigo von der Columbia-Universität in den USA eine Studie darüber, wie Vulkanausbrüche auf die Tropen wirken. Ihr Team hatte dafür Jahresringe von Bäumen, Eisbohrkerne sowie das Wachstum von Korallen ausgewertet. Das Ergebnis: Die durchschnittliche Temperatur war zwischen 1815 und 1818 weltweit um ein Grad gesunken. Ähnliche Klimafolgen gab es nach anderen Vulkanausbrüchen.
1783/84 öffnete sich auf Island die Erde. Acht Monate lang pumpte der Vulkan Laki Rauch und Schwefel in die Atmosphäre. Er bescherte der Nordhalbkugel einen Winter mit Temperaturen, die in Europa bis zu fünf Grad unter dem 200-jährigen Mittelwert lagen, schreibt der Mainzer Geowissenschaftler Frank Sirocko in seinem aktuellen Buch "Wetter, Klima, Menschheitsentwicklung“. Die Sonne verdunkelte sich, saure Aerosole ließen auf Island das Gras verdorren, Vieh und Menschen verhungern. Als 1991 der Pinatubo auf den Philippinen ausbrach, konnte man auf Fotos des Satelliten NOAA-11 sehen, wie ein Ascheschleier binnen 22 Tagen die Welt umrundete. Die Durchschnittstemperatur sank um 0,6 Grad. Selbst der El Chichón in Mexiko, der 1982 nur ein Zehntel der Staub- und Gasmenge emittierte, die 200 Jahre zuvor der Laki in die Luft geschleudert hatte, kühlte die Welt um 0,2 Grad.
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