Die State Fairs in Amerika

Autor: Garrison Keillor
Frage des Monats
Was ist der Ursprung der amerikanischen State Fairs?
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Antwort: State Fairs waren ursprünglich Landwirtschaftsausstellungen.

Unter den Top Ten der State Fair-Attraktionen ist eine, die auch wir aus dem Mittleren Westen besonders genießen – obwohl wir es nur ungern zugeben. Es ist Nummer drei: das Bad in der Menschenmenge. Ein Zeitvertreib, den wir weder bei Facebook noch bei Google erleben können. Im Alltag sitzt du eher in deinem Büro vor dem Computer, steigst dann ins Auto und fährst nach Hause in einen Vorort, dort direkt in eine Garage, aus der eine Tür in deine Küche führt, so dass du niemandem zu nahe kommen musst, wenn du nicht willst. Die Leute scheinen diese Lebensweise dem Tumult in der Stadt vorzuziehen.

Zu manchen Begierden können wir uns eben nicht bekennen. Eine davon ist, gern im Gedränge dünn bekleideter Leiber in der knallenden Sonne vor der Eisbude zu stehen und Ellbogen, Hüften oder Hände zu fühlen, die deinen Arm versehentlich berühren ("Oh, Entschuldigung!"), die menschliche Hitze mit ihren vielfältigen Duftnoten (Zitrusdeo, Schweiß und Moschus oder ein Bouquet aus Bier, Haaröl, kalter Zigarre, Methan), die umfänglichen Leiber Brueghelscher Bauern überall um dich herum wie ein Rudel Hunde. Und du – ja, du mit deiner Eleganz und deinem wählerischen Geschmack und der großen Wertschätzung für die Künste – bist selber einer dieser Hunde.

Manche State Fairs in Amerika sind weitläufiger, andere greller, aber letztlich ähneln sich alle wie katholische Kirchen. Keines dieser Volksfeste schert sich um den jüngsten Trend, will Luxus bieten oder Träume wecken. Wohlstand und sozialer Status treten auf der State Fair kaum in Erscheinung. Die tätowierten Kirmeskerle, die auf die Fahrgeschäfte aufpassen, tragen zwar gern die Nase hoch, und wer auf einem Pferd sitzt, gehört der Aristokratie an; aber sonst sind alle gleich. Es gibt keinen Schalter für die Erste Klasse, und in der Scheune ist keine VIP-Sektion abgesperrt. Niemand wedelt mit Banknoten.
State Fairs waren ursprünglich Landwirtschaftsausstellungen, und niemand ist Farmer, um reich zu werden. Ein amerikanischer Bauer lässt sich eher darauf ein, nackt am Strand zu meditieren als sein Jahreseinkommen preiszugeben. Landwirtschaft ist einfach nur Arbeit. Auf einer Farm gibt es genau zwei Varianten, eine Sache anzupacken: richtig oder falsch.

Wenn du bei der Zuchtviehparade in den Rängen sitzt, erkennst du das daran, wie die jungen Männer und Frauen ihre makellosen Rinder im Uhrzeigersinn um den mürrischen Preisrichter in der Mitte herumführen: alle im Gleichtakt. Links von der Schulter des Tiers, mit einer Hand am Halfter. Sie halten den Kopf des Rinds hoch und präsentieren dem Blick des Jurors stets ein klares Profil. Du und ich, wir haben zwar vielleicht keine Landwirte in der Verwandtschaft, aber die Viehprämierung ist für jeden von uns sinnstiftend. Denn auf irgendeine Weise sind wir alle Züchter – ob als Erzieher, Arzt oder Manager.


(NG, Heft 10 / 2009, Seite(n) 134)


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