Ein Himmel für Lachse

Artikel vom 01.12.2009  —  Autor: David Quammen  —  Bilder: Randy Olson

Rau und weltentrückt ragt die Halbinsel Kamtschatka im Osten Russlands nach Südwesten, wie die gezackte Klinge eines Dolches sticht ihre zerfurchte Küstenlinie aus dem kalten Meer hervor. Ihr Hochland erhebt sich zu kahlen, grauen Felsgraten und zu kegelförmigen Vulkangipfeln, auf denen selbst im Sommer oft noch Schnee liegt. Ihre sanfteren Hänge sind grün mit borealem Nadelwald gepolstert. Hier ist alles wilde Natur, in der sich Braunbären und Riesenseeadler von fettreichem Fisch ernähren.

Im Regierungsbezirk – krai – Kamtschatka leben rund 350000 Menschen. Sie sind ebenfalls in hohem Maße vom Fischfang abhängig. Wer Kamtschatka verstehen will, sollte sich daher mit einer ganz besonderen Gattung der Kiementiere befassen: mit Oncorhynchus, zu der die sechs Arten des Pazifiklachses gehören. Allerdings kann wiederum nur derjenige die Situation der Oncorhynchus-Lachse begreifen, der sich mit Kamtschatka beschäftigt, ihrem abgelegenen Rückzugsgebiet, in dem mindestens 20 Prozent aller pazifischen Wildlachse laichen.

Obwohl Kamtschatka deutlich größer ist als Deutschland, gibt es dort nur etwa 300 Kilometer befestigte Straßen. In der Hauptstadt Petropawlowsk-Kamtschatskij an der Südostküste lebt mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Nahebei liegt im Schutz einer Bucht der Marinehafen Rybatschij, der größte Atom-U-Boot-Stützpunkt Russlands. Zu Sowjetzeiten war die gesamte Halbinsel militärisches Sperrgebiet. Noch heute fällt es schwer, Kamtschatka ohne Hubschrauber zu bereisen. Es existiert lediglich ein bescheidenes Netz aus Schotterstraßen.

Eine von ihnen schlängelt sich am schmalen Fluss Bystraja entlang. Flussaufwärts führt sie mitten durch das Zentralgebirge bis zur Lachsbrutstation Malki. Die Fischzucht etablierte sich auf Kamtschatka bereits zur Zeit der Zarenherrschaft im Jahr 1914, aber die Station Malki wurde erst vor drei Jahren eröffnet. In einem Aufenthaltsraum neben der Eingangshalle hängt ein Poster. Darauf heißt es in russischer Sprache: "Es scheint, als habe die Natur Kamtschatka für die Fortpflanzung der Lachse erschaffen."

Das Diktum klingt fast wie ein Ursprungsmythos, aber auf dem Aushang werden einige ganz und gar profane Gründe dafür aufgezählt: Es gibt kaum Permafrost, es regnet viel, das Wasser fließt gut und gleichmäßig ab. Außerdem leben nicht viele andere Süßwasserfische in den Flüssen Kamtschatkas, denn die Halbinsel ist von den Fließgewässern des Festlands abgeschnitten. Deshalb muss sich die Gattung Oncorhynchus hier nur gegen wenige Konkurrenten und Fressfeinde behaupten.

Das Poster hat recht. Nach physikalischen und ökologischen Maßstäben ist Kamtschatka ein Himmel für Lachse. Leider werden deren Lebensbedingungen aber auch noch durch andere Faktoren geprägt. Die Wirtschaft der Region ist seit dem Beginn der Postsowjetzeit ins Taumeln geraten. Auch fischereibetriebliche Entscheidungen beeinflussen die Wanderung der Lachse und weisen in eine Zukunft, die irgendwo zwischen zwei Extremen liegt: In relativ kurzer Zeit, vielleicht binnen zehn oder 20 Jahren, könnte der Ausdruck "Kamtschatka-Lachs" zum grünen Markenzeichen werden, zum Synonym für einen nachhaltigen Einsatz von Ressourcen und zum größten Erfolg in der Geschichte der Fischereiwirtschaft. Oder er könnte künftig als Menetekel gelten – dafür, dass im frühen 21. Jahrhundert eine Chance zum Umweltschutz auf besonders traurige und sinnlose Weise verspielt worden ist.

Seite 1 von 2

(NG, Heft 12 / 2009)


Extras
  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus