Exodus aus dem Heiligen Land

Artikel vom 13.11.2009  —  Autor: Don Belt  —  Bilder: Ed Kashi

Ostern in Jerusalem ist nichts für Feiglinge. Die Altstadt wirkt schon in ruhigen Zeiten hektisch. In den Tagen vor dem Fest aber gerät sie endgültig aus den Fugen. Zu Zehntausenden strömen Christen aus aller Welt wie eine Horde Eroberer durch die Via Dolorosa. Sie kommen, weil das Christentum hier seine Wurzeln hat. Rund um Jerusalem erstreckt sich das steinige Hügelland, durch das einst Jesus zog. Hier, wo er lebte, predigte und starb, beteten und bluteten später seine Anhänger, als sie um die Zukunft seiner Lehren kämpften. Araber kauerten neben jüdischen Konvertiten in Höhlen in Palästina und Syrien und waren unter den Ersten, die wegen des neuen Glaubens verfolgt wurden – und die Ersten, die Christen genannt wurden. Hier in der Levante, einer Weltgegend, die heute Syrien, den Libanon, Jordanien, Israel und die palästinensischen Gebiete umfasst, wurden Hunderte Kirchen und Klöster errichtet, nachdem der römische Kaiser Konstantin das Christentum im Jahr 313 legalisiert und seine levantinischen Provinzen zu heiligem Land erklärt hatte. Auch als im Jahr 638 die arabischen Muslime die Region eroberten, blieb sie vorwiegend christlich.

Während der Kreuzzüge (1095 bis 1291) gerieten die arabischen Christen ins Kreuzfeuer zwischen Islam und christlichem Westen und wurden – vor allem in Jerusalem – zusammen mit den Muslimen von den Kreuzfahrern unterschiedslos niedergemetzelt. Damals begann der stetige Rückgang der christlichen Bevölkerung in dem Gebiet.

Heute sind die levantinischen Christen nur noch eine Minderheit; erfüllt vom Überlebenswillen der frühen Kirche, sind sie Abgesandte einer Welt, die in Vergessenheit geraten ist. Ihre aus orthodoxen, katholischen und protestantischen Gläubigen zusammengesetzten Gemeinschaften schrumpften im vergangenen Jahrhundert von 25 auf etwa acht Prozent der Bevölkerung. Denn die heutige Generation wandert ab: aus wirtschaftlichen Gründen, wegen der Gewalt in der Region oder weil sie Verwandte im Westen hat, die bei der Auswanderung helfen.

Dieser Exodus beraubt die Levante traurigerweise einiger ihrer am besten ausgebildeten und politisch moderatesten Bürger – derjenigen Menschen also, auf die die Gesellschaften dieser Region am wenigsten verzichten können. Über Ostern ergreift die arabischen Christen Jerusalems daher ein Taumel, als wäre nach einer langen einsamen Leidensprobe endlich die dringend benötigte Verstärkung eingetroffen.

In einer kleinen Wohnung am Stadtrand bereitet sich ein junges palästinensisch-christliches Ehepaar – ich werde die beiden Lisa und Mark nennen – darauf vor, sich ins Festgetümmel zu stürzen. Lisa bemüht sich, ihre 18 Monate alte Tochter Nadia in ein weißes Osterkleidchen zu stecken. Mark versucht erfolglos, ihren dreijährigen Sohn Nate davon abzuhalten, Hose und Weste – beides brandneu – zu ruinieren. Mark, ein großer, heißblütiger Mann, runzelt wütend die Stirn. Doch es ist Ostern, eine Zeit des Optimismus und der Hoffnung, und es ist ein ganz besonderer Feiertag.
Denn dies ist das erste Osterfest, das Mark bei seiner Familie in Jerusalem verbringen darf. Er stammt aus Bethlehem im Westjordanland, daher wurden seine Ausweispapiere von der Palästinensischen Autonomiebehörde ausgestellt; für den Besuch benötigt er einen israelischen Passierschein. Lisa, deren Familie in der Altstadt ansässig ist, hat einen israelischen Pass. Deshalb kann das Paar nicht unter einem Dach leben, obwohl es seit fünf Jahren verheiratet ist und diese Wohnung in einem Jerusalemer Vorort gemietet hat. Mark wohnt bei seinen Eltern in Bethlehem . Das ist zwar nur gut neun Kilometer entfernt, aber es könnten genauso gut 100 sein, denn Bethlehem liegt hinter einem israelischen Grenzkontrollpunkt und jenem sieben Meter hohen Betonwall, der als „die Mauer“ bekannt ist.

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(NG, Heft 11 / 2009)

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