Nebel liegt über der Wüste, dicht wie ein Sandsturm. Im Schutz der Dunkelheit schleichen Kundschafter von Lager zu Lager. Vor vier Wochen sind Beduinenkarawanen aus Oman, Saudi-Arabien, Katar und anderen Ländern über die Arabische Halbinsel gezogen, um hier, an einem abgelegenen Ort im Emirat Abu Dhabi, an einer der großen gesellschaftlichen Veranstaltungen Arabiens teilzunehmen: dem jährlichen Schönheitswettbewerb der Kamele.
Bild: Randy Olson Vergrößern
Im Schatten eines elegant ausgestatteten Zelts betreiben Männer bei Früchten, Kaffee und dem Duft von Inzens traditionelle Kontaktpflege.
Jetzt, in einer feuchten Januarnacht, geht es ums Ganze. Neun Tage lang wurden Kamele aller Art vor einer Tribüne präsentiert, insgesamt 24000. Eine Herausforderung für die Juroren, die mit kritischem Blick die Spreu vom Weizen trennten - bisweilen sehr zum Leidwesen der stolzen Besitzer. Am zehnten Tag sind nur noch zwei Beduinen mit ihren Kandidaten im Rennen. Zwei Cousins aus dem gleichen Stamm, als Familienoberhäupter bei ihren Nachnamen gerufen: Bin Tanaf und Rames. Seit Jahren schon kämpfen die beiden Männer in kleineren Wettbewerben um Anerkennung und Prestige. Der Ausgang dieses Wettstreits wird über ihren Rang in der Welt der Kamelhalter entscheiden. Als Gewinn winken zwar auch attraktive Preise - vor allem aber Ansehen für den Sieger und seine Familie. Also schicken beide ihre Spione aus: Kundschafter, die in den anderen Lagern nach dem schönsten Kamel suchen sollen. Es könnte im Moment der Wahrheit bei Sonnenaufgang den entscheidenden Vorteil bringen.
Maßgeblich sind die anatomischen Merkmale. Der große Höcker - ein Fettspeicher -, der mit jedem Schritt der dünnen Beine bedrohlich wankt. Plattfüße, alles andere als elegant. Ein Hals, der unter seinem Gewicht durchzuhängen scheint. Und der Kopf: fast absurd lange Augenwimpern, schlitzförmige Nasenlöcher und gummiartige Lippen, von denen dickliches Wiedergekäutes trieft. Nein, Schönheiten im klassischen Sinn sind Kamele nicht; sie kommen einem vor wie aus Ersatzteilen zusammengesetzt.
Die Juroren in Abu Dhabi sehen die Tiere mit ganz anderen Augen. Sie begutachten anhand strenger Kriterien jedes Detail zwischen Nase und Schwanz. Die Ohren müssen fest sein. Der Rücken soll hoch, der Höcker groß und symmetrisch sein. Das Hinterteil möglichst prall. Das Fell muss glänzen.
Ein kräftiger Kopf ist ideal. Pluspunkte sammelt ein stark gewölbter Nasenrücken, dessen Rundung sich harmonisch bis zur weich herabhängenden Unterlippe fortsetzt. Ein langer Hals gilt als attraktiv. Hohe Beine sind schön. Selbst auf die Zehen achten die Juroren, genauer: auf die Länge des Klauenspalts. Schließlich kommt es ja auch bei menschlichen Schönheitswettbewerben am Ende nur aufs Dekolleté an.
Bild: Randy Olson Vergrößern
Die Millionen-Straße hat ihren Namen von den hohen Summen, die Kamelhalter bisweilen für ihre Tiere erzielen. Hier drängen sich einige der 24 000 Teilnehmer des Wettbewerbs und ihre modernen Pendants.
Bin Tanaf sitzt auf einer Düne über seiner Kamelherde und sinniert über das Leben der Nomaden. Ein kleiner Mann mit verkrüppeltem Bein und sauber gestutztem schwarzem Bart, der über sein fortgeschrittenes Alter hinwegtäuscht. Als Kind ist er mit seiner Familie auf der ständigen Suche nach Wasser und Futter von Oase zu Oase gezogen. Im Sommer können Kamele fünf Tage ohne Wasser auskommen, im Winter mehrere Wochen. „Durch sie haben wir überlebt“, sagt er und deutet mit dem Kinn in Richtung seiner Herde. Die innige Beziehung zwischen den Nomaden und ihren Kamelen hat sich über viele tausend Jahre entwickelt. Ihren Anfang nahm sie auf der Arabischen Halbinsel. Die wichtigste Aufgabe der Kamele war der Transport von Lasten. Sie wurden als Reittiere benutzt, um rivalisierende Stämme zu überfallen und Kamele zu rauben oder gestohlene Tiere zurückzuholen. Ihr Höcker diente den Beduinen auch als Nahrung - das ist die praktische Seite der Schönheit. Dieses Tier kann seine schlitzförmigen Nasenlöcher im Sandsturm fest verschließen, und die staksigen Beine halten seinen Körper in gebührendem Abstand vom heißen Wüstenboden.
DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion
blog comments powered by Disqus