Jakob lebt. Er ist ein Heiliger, mit ernstem, asketischem Blick, gemalt von Dürer. "Für mich isch ’r noch ganz lebendig - und wie oft ich ’s Jaköble schon angerufen hab, wenn’s mir net so gut ging." Edeltraut Fischer sagt es in singendem Schwäbisch und schenkt dem Bildnis, das da über ihren schmalen Hausflur wacht, ein mädchenhaftes Lächeln. Gut zehn Jahre wohnt sie nun schon in der Fuggerei, Hintere Gasse Nr. 7/0, eine rüstige Siebzigerin und "wunschlos glücklich". 88 Cent Kaltmiete im Jahr! Plus monatlich 65 Euro Nebenkosten. Für 60 Quadratmeter und ein nettes Gärtchen dazu. In ruhigster Lage. Mitten in Augsburg. Da spricht sie gern jeden Tag die drei Gebete, so wie es ihr Schutzpatron selig im fernen Jahr 1521 mit feierlicher Urkunde verfügt hat: Paternoster, Ave Maria und das Credo. "Und ich halt das ein", sagt sie, "ich möcht da obe ja net mit Schulden ankommen."
  Vergrößern
Die Bergung eines Schiffswracks vor Namibia im vorigen Sommer wurde zur Sensation: Der portugiesische Frachter aus der Zeit um 1500 hatte spanische Goldmünzen an Bord - und Kupferingoten mit der Fuggerpunze.
Erst recht nicht wollte das der Stifter dieses Idylls: Jakob Fugger, genannt "der Reiche", Kaufherr zu Augsburg, Kaiserlicher Rat, strenggläubig und zu seiner Zeit gewiss der wohlhabendste Mann der Welt. Unweit seines prächtigen Handelshauses ließ er hier einen eigenen kleinen Stadtteil für Bedürftige bauen - "Gott zu lob und eern, armen taglönern vnd hanndtwerkhern zu hilff." Wer unverschuldet in Not geraten, in Augsburg ansässig und katholisch war, der konnte sich in der Fuggerei, wie die Reihenhaussiedlung alsbald genannt wurde, um eine günstige Bleibe bemühen. Jahresmiete ein Gulden rheinisch, damals etwa der Wochenlohn eines gelernten Maurers. Kein Schnäppchen, aber weiß Gott eine Guttat. Aus dem einen Gulden wurden, von Jakobs Nachfahren großzügig kleingerechnet, irgendwann 1,72 Mark und schließlich die jetzigen 0,88 Euro. Auferlegt wie anno 1521 blieben den Bewohnern die drei Gebete, die "ain yeder mensch, Jung oder alt, so es vermag, altäg Sprechen soll".
Ein gutes Geschäft, vielleicht sogar das beste im Sinne des frommen Kaufherrn Fugger. Seit dem 30. Dezember 1525, als der Große Kontorist still und einsam mit 66 starb, sprechen rund 150 handverlesene Mieter täglich mehr als 400 Gebete für sein Seelenheil. Seit bald 500 Jahren - und gemäß seinem Letzen Willen bis in alle Ewigkeit. Heute wohnen in den 67 Häusern der Fuggerei, die sich zu Recht die älteste Sozialstiftung der Welt nennt, 142 Menschen. Auch am Tag, an dem Sie dies lesen, wird auf Fuggers himmlischem Konto wieder eine ganze Litanei weiterer Gebete ankommen. Dabei hätte sich Jakob der Reiche um den Nachruhm nicht sorgen müssen. Der Fugger - das war (und blieb) ein Name wie Donnerhall, für viele ein Segen, für nicht wenige ein Fluch. Die Geschichtsbücher führen ihn - je nach Zeitgeist - mal als Vorläufer der "großen Wirtschaftsführer" und "Industriekapitäne", mal als "frühen Großkapitalisten" und "politischen Strippenzieher".
Reiseführer-Tipp: Die Fugger
Die deutschen Medici in und um Augsburg. mehr...
DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion
blog comments powered by Disqus