Liebe über den Tod hinaus

Autor: A.R. Williams  —  Bilder: Richard Barnes

Im Jahr 1888 entdeckte ein ägyptischer Bauer in der Nähe des Dorfs Istabl Antar ein riesiges Grab. Darin lagen nicht Menschen, sondern mumifizierte Katzen. „Nicht etwa einzelne Exemplare hier und da“, berichtete das English Illustrated Magazine, „sondern Dutzende, Hunderte, Hunderttausende, eine ganze Schicht, mächtiger als Kohleflöze, zehn bis 20 Tiere hoch.“ Einige der in Leinen gewickelten Katzen waren recht ansehnlich, und manche hatten Gesichter aus Gold. Dorfkinder verscherbelten die besten Exemplare für ein paar Münzen an Touristen. Der Rest wurde als Massenware verkauft. Ein Schiff brachte ungefähr 180000 Tiere, zusammen 17000 Kilo schwer, nach Liverpool – als Dünger für englische Felder.

Es war damals die Zeit der großzügig finanzierten Expeditionen. Forscher und Abenteurer erkundeten das Niltal und die angrenzenden Wüsten auf der Suche nach Gold und Gräbern, Masken und Mumien für europäische und amerikanische Museen. Die vielen tausend Tiermumien, die überall in den heiligen Stätten ans Tageslicht kamen, waren nur lästiges Beiwerk. Kaum jemand untersuchte sie näher, folglich blieb ihre Bedeutung für die Ägyptologie lange unerkannt.

Mehr als ein Jahrhundert später geht es weniger um bloße Ausgrabung als vielmehr um neue Erkenntnisse. Der Wert von Fundstätten liegt nicht mehr nur in ihrem Inhalt, sondern in den vielen Informationen, die sie über vergangene Zeit preisgeben: wie die Menschen fühlten, was sie dachten. Was diese Fragen angeht, sind Tiermumien eine unschätzbare Quelle. „In den Überresten der Tiere spiegelt sich das Alltagsleben der Menschen“, sagt die Ägyptologin Salima Ikram, Professorin an der Amerikanischen Universität Kairo. Und es spiegeln sich religiöse Vorstellungen. Bislang wurden mehr als 130 Tierfriedhöfe erforscht. Auf allen waren auch Katzen bestattet – ein Hinweis auf die verehrte Göttin Bastet, die als Katze dargestellte Tochter des Sonnengotts Re.

Ikrams Spezialgebiet ist die Zooarchäologie – die Erforschung von tierischen Überresten –, und ihre Leidenschaft sind die konservierten Katzen und andere Tiere aus der Zeit der Pharaonen. Ihr Augenmerk richtet sich vor allem auf die lange vernachlässigte Mumiensammlung des Ägyptischen Museums in Kairo. Zunächst vermaß sie die Tiere, dann warf sie mit Röntgenstrahlen einen Blick unter deren Leinenhülle und legte sie eine Galerie an, die sie als Brücke zwischen den Menschen von damals und heute ansieht. „’Schau an, dieser König hatte also ein Haustier’, sagt man dann. ‚Und ich habe auch eines.’ Auf einmal sind die alten Ägypter Leute wie du und ich.“

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(NG, Heft 11 / 2009, Seite(n) 38)


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